Tageszentrum Miteinander Füreinander Meilen

Begegnungs- und Bildungszentrum

Erhellende Momente aus dem Erziehungsalltag

Erhellende Momente aus dem Erziehungsalltag

 

Erziehung ist zugleich die schönste und die schwierigste Aufgabe, die es gibt. In der Kindheit bilden sich beim werdenden Menschen seine ganzen Gefühle, seine Meinungen und Vorstellungen, sein Selbstwert, sein Bild von den anderen Menschen, und daraus resultierend, sein Charakter heraus. Somit ist die Fähigkeit der Eltern, das Kind wohlwollend und gemeinschaftlich ins Leben einzuführen, entscheidend für ein ganzes Menschenleben. Gleichzeitig ist man als Erzieher zusammen mit den Kindern immer mit allen eigenen Gefühlen konfrontiert und gerät so immer wieder in neue Situationen, in denen man nicht mehr weiter weiss, die Beherrschung verliert, sich verletzt fühlt, das Kind nicht versteht, oder sich vom Kinde nicht verstanden fühlt, oder einem alles zu viel wird, und so weiter. 

In dieser Sammlung von kurzen Beispielen, die wir über die Jahre in den Gesprächen im Tageszentrum Miteinander Füreinander in Meilen diskutiert haben, werden verschiedene exemplarische Situationen aus dem Erziehungsalltag psychologisch dargelegt. Wir hoffen, dass sie allen Erziehern eine Hilfe sein werden bei ihrer herausfordernden Aufgabe. 

Viel Freude beim Lesen! 

  

„Immer macht das Kind Brösmeli beim Essen!“ – eine Grossmutter erzählt.  

Eine Grossmutter hatte das Problem, dass ihre Enkelin beim Essen immer sehr viel Brosamen machte, die dann überall herumlagen und auch auf den Boden fielen. Die Mutter hatte sich schon oft geärgert und geschimpft, allerdings ohne Wirkung. Die Grossmutter hatte im Tageszentrum Meilen schon einiges über Psychologie gelernt und machte sich dann Gedanken, wie sie das Kind dafür gewinnen könnte. Strafe, das wusste sie schon, ist immer uneffektiv – denn auch wenn das Kind sich dann anpasst und richtig verhält, hat es gelernt, dass es Angst haben muss und dass die Eltern heftig werden können und dass es allgemein unter den Menschen aufpassen muss, weil man dann meint, immer etwas Schlimmes anrichten zu können wenn man spontan ist. Aus einem strengen Umgang entstehen oft Kämpfe, die jahrelang das Leben von allen erschweren: Muss ich jetzt oder muss ich nicht? Und zum Beispiel die Brosamen werden plötzlich zum immerwährenden Problempunkt, weil sich daran die Beziehung entzündet. Das ist nicht nötig, denn man kann immer mit dem Kind sprechen.

Was die Grossmutter dann probierte, war, das Mädchen zum Mitdenken anzuregen, und das Thema der Brosamen ohne gespannte Stimmung aufzugreifen. Sie sagte eines Morgens ganz ernsthaft: „Du, Sarina, was könnten wir denn machen? Was meinst Du? Du hast es so schwer, Dir fallen immer die Brosamen überall hin. Ich habe es mir überlegt, ich glaube, wir brauchen ein Huhn. Das könnte dann alles aufpicken und wäre dann satt und die Brosamen wären weg und niemand mehr würde schimpfen.“ Die Enkelin giggelte. „Aber Grossmami, ein Huhn? Ich mache so viele Brosamen, wir brauchen zwei.“ „Du hast recht, daran habe ich nicht gedacht. Zwei sind gut, dann sind die auch nicht alleine und dann sind wirklich alle Brosamen weg.“ Sarina fragte dann weiter: „Wo schlafen dann die Hühner?“ Und die Grossmutter antwortete nach einigem Überlegen „Da könnten wir einen Stall bauen, am besten vielleicht dort vor Eurem Haus, da hat es ein bisschen Platz.“ Und Sarina freute sich darüber und fand das toll. Doch dann fiel ihr ein: „Aber das braucht Zeit, um einen Stall zu bauen.“ Und die Grossmutter: „Ja, da müssten wir noch Deinen Vater fragen, der kann das. Da müssen wir Holz kaufen und Nägel und etwas Besonderes für die Hühner. Und dann müssen wir für die Hühner noch jeden Tag Stroh streuen und wieder ausmisten.“ Oh, da müsste man viel machen“, meinte auch Sarina. „Ja, und Papa hat schon viel zu tun den ganzen Tag und Mama arbeitet auch den ganzen Tag.“ Darauf sagte Sarina: „Dann nehmen wir lieber kein Huhn, Grossmami, das gibt so viel Arbeit. Dann ist es einfacher, wenn ich die Brosamen aufputze.“ Und so ging sie freudig daran, die Brosamen aufzuwischen, weil sie in einer freudigen und guten Stimmung von der Grossmutter zum Verständnis geführt worden war, wieso ihr Beitrag in diesem Punkt für alle wichtig war. 

 

Der Grosse möchte wieder klein sein.

Der Grosse möchte wieder klein sein. Wie kann man das ältere Kind beruhigen, wenn es eifersüchtig wird auf den kleinen Nachkömmling? 

 

Mit dem im Tageszentrum Miteinander Füreinander in Meilen erlernten psychologischen Wissen konnte eine junge Frau, welche Gotte ist von einem 3-jährigen Buben, eine entscheidende und nicht einfache Situation gut lösen. 

Die Eltern waren einen Tag weg und Frau M. hat ihren Göttibuben Simon und dessen kleinen 8 Monate alten Bruder Theo bei ihnen zu Hause gehütet.  

Sie waren gerade beim Zmorge gewesen, da rannte Simon auf einmal geschwind zum leeren Bettchen seines kleinen Bruders, da es gerade geworden frei war. Er sollte aber dort nicht hingehen, weil er zu gross war für das Bett und etwas hätte kaputt machen können. Er hatte auch schon bei den Eltern mehrmals versucht, in dieses Bettchen zu kommen, denn er hatte seit Ankunft seines kleinen Geschwisters den Wunsch entwickelt, auch wieder klein zu sein und so viel Aufmerksamkeit und Zuneigung zu erhalten wie das kleine Baby. Dies ist ein häufiges Phänomen, dass die älteren Kinder unsicher werden, ob sie noch gleich geliebt und gleich wichtig sind, wenn ein kleineres Geschwister dazu kommt, das oft notwendigerweise mehr Aufmerksamkeit bekommt, weil es eben noch so klein ist. Es ist dann eine herausfordernde Aufgabe für die Eltern, wie man mit dem oft ‚schwierigen’ Verhalten des Älteren so umgehen kann, dass sich die Unruhe wirklich auflöst und nicht verschlimmert. 

Die junge Frau erfasste Simons Verhalten richtig, als sie sein ins-Bettchen-gehen-wollen einerseits als Wunsch, wieder klein zu sein, erfasste, andererseits aber auch sah, dass sein Verstossen gegen die Regeln der Eltern auch folgende Gründe hatte:

1. Aufmerksamkeit erhaschen (denn Regelverstösse sind immer auch eine sichere Variante, die Aufmerksamkeit der Erzieher auf sich zu ziehen, wenn ein Kind sich derer nicht sicher ist) 2. Das ins-Bettchen-gehen-wollen war eines von vielen speziellen Dingen, die er sich seit der Geburt des Geschwisters immer wieder einfallen liess, um daran, ob die Eltern auf seine besonderen Aktivitäten und Wünsche eingingen, zu messen, ob sie ihn noch gerne hatten. 

Erkennbar waren diese seine psychischen Beweggründe unter anderem auch daran, dass Simon erwartungsvoll und freudig seine Gotte anstrahlte, nachdem er sich in das Bettchen seines Bruders gequetscht hatte – er erhoffte sich also eine Wirkung davon. 

Was nun? Viele von uns würden ihn dann ermahnen, da herauszukommen, weil er das nicht dürfe. Das würde allerdings nicht viel helfen, weil er das erstens schon längst weiss und zweitens ja sein Vorhaben und sein Wunsch der ist, mehr in Beziehung zu kommen und zu spüren, dass er auch wichtig ist und man ihn lieb hat. Wenn wir dann nur mahnen, erreichen wir nichts, und wenn es sich so entwickeln würde, dass wir mit der Zeit uns ärgern und schimpfen, weil wir nicht verstehen, warum er das macht, dann könnte sich so ein Kind zu einem Problemkind entwickeln, weil es sich in seiner Befürchtung, zurückgesetzt und nicht mehr geliebt zu sein, mit jeder Schimpfe bestätigt fühlen würde und immer mehr problematisches Verhalten zeigen würde in seiner Not, doch Aufmerksamkeit zu bekommen.  

In diesem Wissen hat also die Gotte gesagt: „Ou Simon, ja schau mal, wie gross du schon geworden bist! (Sie gab ihm Anerkennung und Aufmerksamkeit.) Dein ganzer Kopf schaut ja da heraus! Du passt gar nicht in dieses Bett. Du passt viel besser in mein Bett. Komm, wir legen uns gemeinsam dort hinein und schauen mal, wie das ist.“ Und oh Wunder, der kleine Simon stieg freudig wieder aus dem winzigen Bettchen und ging mit seiner Gotte aufs grosse Bett – weil sie ihm genau das gegeben hatte, wonach er sich sehnte, nämlich der Gotte nahe zu sein und zu spüren, dass sie ihn gerne hat und toll findet. Auf diese Weise war auch die Schwierigkeit gelöst, dass Simon aus dem Bettchen heraus sollte. 

 

Gemeinsam ist es schöner.

Gemeinsam ist es schöner. Lösungen zum Umgang bei Eifersucht zwischen Geschwistern

 

Eine alleinerziehende Mutter kam über mehrere Monate intensiv ins Tageszentrum Miteinander Füreinander in Meilen in die Mittagsgespräche und die Erziehungsgruppen, weil sie mit ihren streitenden Kindern überfordert war. 

Ihre 4-jährige Tochter Nicole und ihr 6-jähriger Sohn Luka gerieten ständig massiv aneinander, weil sich eine starke Eifersucht zwischen den beiden entwickelt hatte. Die Mutter wusste nicht mehr ein noch aus und war am Ende mit ihren Nerven. Die Mutter war sehr bemüht gewesen, beiden gerecht zu werden, doch indem sie auf die Eifersucht immer mit Rechtmachen eingegangen war, hatte sie sie nur immer weiter verstärkt. Wenn zwei Kinder immer das Gefühl haben, der andere bekäme mehr als der andere, dann bestätigt man ihnen als Eltern diese Befürchtungen, wenn man ihnen immer extra zeigt und beweist, dass jeder gleich viel bekommt. Beispielsweise hatte diese Mutter versucht, die Kuchenstücke jeweils haargenau abzumessen und beim Gutenachtgeschichtenlesen hatte sie die Zeit gestoppt, um den beiden zu versichern, dass jeder gleich lange seine Lieblingsgeschichte hören durfte. Dies ist gut gemeint aber bestätigt den Kindern, dass es wirklich darauf ankommt, wer bei allem wie viel bekommt. Und es ist auch eine unnötige Anstrengung für die Mutter. Mit dem psychologischen Wissen kann man erfassen, dass beide Kinder unruhig sind, weil sie sich nicht sicher sind, dass sie ihren Platz und ihre Bedeutung bei der Mutter haben.

Diese Gefühlslage der Eifersucht ist nur dadurch aufzulösen, dass man den Kindern vermittelt, dass sie keine Bedrohung füreinander sind, sondern eine Bereicherung – dass das Geschwister sie gerne hat und dass sie auch eine Bedeutung für es haben. Man könnte auch sagen, die Eltern müssen eine Gemeinschaft schaffen mit den Kindern. 

Die Mutter hat sich sehr engagiert und alles, was sie im Tageszentrum gelernt hat, sogleich wie folgt umgesetzt: 

Sie begann als Erstes, die Kinder dazu anzuleiten, dass der Ältere der Kleineren viel beibringen kann und er so eine Bedeutung bekommt, und die Kleine im Gegenzug alles lernen kann, was er auch schon kann – dass sie ein gutes Team sind. Dazu folgendes Beispiel: 

Es hatte beim Zmorge immer viel Streit gegeben, wenn die Mutter die Kinder fragte: „Müssen wir schon gehen, was für Zeit ist es?“.  Denn entweder sagte Luka, der bereits die Uhr lesen konnte, gleich die richtige Antwort, was dazu führte, dass die kleine Nicole nebendran verzweifelte, weil sie es nicht konnte, und zu schreien anfing. Oder aber Nicole, in ihrem Eifer, es auch schon zu können, sagte irgendeine Uhrzeit, die nicht stimmte, worauf ihr Bruder sie auslachte und sagte: „Du bist so blöd, du kennst ja noch nicht einmal die Zahlen.“ Und dann rauften sie sich schon. 

Daraufhin begann die Mutter mit dem älteren Luka immer mal wieder, wenn sie zu zweit waren, darüber zu sprechen, was ihn und auch seine Schwester beschäftigen könnte. Sie erklärte ihm: „Deine Schwester ist nicht auf die Welt gekommen, um dich zu plagen, sondern sie möchte auch nur einfach so gut sein wie du. Du bist ihr grosses Vorbild. Sie nimmt dir nichts weg. Sie meint nur, sie müsse sofort auch alles können wie du, was du schon so gut machst, und das beunruhigt sie zur Zeit noch. Es passiert auch nichts, wenn sie dich aufholt, ihr könnt in allem zusammen gut werden. Du kannst ihr – und auch mir – sehr viel helfen, wenn du ihr beibringst, was du schon kannst. Das könnte eine schöne gemeinsame Sache werden.“ Ausserdem war es auch sehr wichtig, dass sie ihm immer wieder versicherte, dass er „ihr Grosser“ sei, ihr Erstgeborener, dass er ihr sehr lieb ist und er keinen Platz zu verlieren habe. 

Dieses Verständnis, was die Schwester beschäftigte, und diese Sicherheit, dass Luka sich seiner Aufmerksamkeit und Zuwendung bei der Mutter sicher sein konnte, liess die Mutter bei jeder Gelegenheit und jedem Gespräch mit ihm einfliessen. 

Das führte dazu, dass sich nach ein paar Wochen am Morgen folgende Szene abspielte: Nicole rannte schon früh in die Küche, um die Uhrzeit zu nennen, und da sie sie immer noch nicht konnte, sagte sie sie wieder falsch. Da kam Luka dazu und sagte zu ihr: „Komm, wir machen es zusammen. Ich zeige dir, wie es geht“, und erklärte ihr, wie man die Uhr lesen kann. Die Mutter war darüber sehr berührt, da sie alle drei dann an diesem Morgen zum ersten Mal nach langer Zeit mit guter Stimmung miteinander aus dem Haus gingen. 

Kurz darauf ereignete sich eine typische Szene in der Migros, welche früher sofort zu Streit geführt hätte: Beide Kinder wollten in dem aufklappbaren Sitz im Einkaufswagen drinsitzen – was nun? Luka, ermutigt durch die guten Gespräche mit der Mutter und die schon gemachten, neuen guten Erfahrungen mit seiner kleinen Schwester, schlug sogleich vor, die kleine Schwester dürfe dort drin sitzen und er würde dafür auf dem aufklappbaren Gestell unten am Wagen stehen. So waren beide zufrieden und hatten einen lässigen Aussichtspunkt. 

Luka begann dann auch nach einiger Zeit die kleine Schwester zu loben: Wo er früher auf alles, das sie gut machte, gesagt hätte: „Das ist doch nichts, das ist bubi!“ ermutigte er sie jetzt: „Nicole, du schaffsch das!“ und lobte sie: „Gut gemacht!“  Genauso wie es die Mutter mit ihm ermutigend und im Detail besprochen hatte. 

In zweisamen Momenten mit der Tochter nutzte die Mutter ebenfalls die Gelegenheit, sie zu erfassen und ihr einen Ausweg zu geben, was sie in einer Erziehungsgruppe im Tageszentrum Miteinander Füreinander besprochen hatte: „Meine liebe Nicole, ich glaube, du kommst immer wieder in Not, weil du meinst, du müsstest schon alles können, was der Luka kann. Du hast aber noch ganze zwei Jahre Zeit, bis du auch so weit sein musst wie er – das sind zwei Sommer und zwei Winter, das ist eine gaaanz lange Zeit! Er hatte diese Zeit schon zum Üben und Lernen. Und ausserdem: Ich und Luka finden dich eine ganz Tolle, einfach so wie du bist. Du bist nicht erst eine Tolle, wenn du alles kannst.“

Insgesamt brachte die Mutter auch viel dazu ein, was sie über das Lernen gelernt hatte durch die Gespräche im Tageszentrum in Meilen: Dass jeder Mensch gleich gescheit ist und dass jeder alles lernen kann, wenn er übt und repetiert. Wenn die Kinder verzweifelten, wenn etwas nicht sogleich ging, erzählte sie ihnen: “Ich bin früher auch verzweifelt, weil ich auch noch meinte, ich müsste schneller sein, als ich war. Dann habe ich eine Pause gemacht und später wieder probiert. Und dann mit der Zeit gemerkt, dass mir das Aufregen gar nichts bringt. Ich habe dann gelernt, dass ich zu hohe Ansprüche habe. Jeder Mensch braucht Zeit und viel Übung, um etwas zu erlernen, und diese Zeit kann man sich nehmen.“ Auch das brachte den Kindern viel Beruhigung im Leben. 

Die Mutter führte die Beziehung sehr liebevoll, weil sie in den wöchentlichen Erziehungsgruppen ihre ständige Überforderung und Verzweiflung besprechen konnte und blieb mit Geduld mit diesen Themen immer im Gespräch: Sie schenkte den beiden zum Beispiel ein Armkettchen, das sie an die Mutter erinnern sollte, und sagte ihnen: „Wenn du in der Schule wütend wirst, dann denke an mich mit diesem Kettchen: Was hat Mama gesagt? Ich bin immer bei dir.“ 

Die letzte Situation, die sie exemplarisch für die erfreuliche Entwicklung in der Familie erzählt hatte, war die folgende: Nicole hatte im Restaurant ein Holzwürfel-Bauset geschenkt bekommen. Sie öffnete es, versuchte, sie zusammenzubauen, kam nicht draus und wollte die Holzwürfel mit einer Heftigkeit grad wieder hinschmeissen. Da nahm sie die Mutter wohlwollend am Arm, zwinkerte ihr zu und sagte: „Liebe Nicole, darüber haben wir doch gesprochen. Weißt du noch?“, und die Nicole beruhigte sich, überlegte kurz und sagte dann zum Bruder: „Kannst du mir helfen?“ Dieser nahm gerne an und sie bauten zusammen einen schönen Holzwürfelturm. 

In den wöchentlichen Erziehungsgruppen hatte sie einige Monate alle Fragen genau erörtert und immer angewendet, was sie über den seelischen Zustand ihrer Kinder und über ihren eigenen Lebensstil erfahren hatte. Gleichzeitig erfuhr sie ständig, dass es gelingen kann, seine Kinder und sich selbst verstehen zu lernen und nicht aufzugeben. So war es möglich, dass die familiäre Situation nach einigen Monaten vollkommen verändert war. Die Mutter entwickelte ein schönes Zusammenleben mit ihren Kindern, indem sie nicht nur ihre Verhaltensweisen verändern wollte, sondern den seelischen Haushalt ihrer Kinder erkennen konnte und sie so richtig ins Herz schliessen konnte.

 

 

 

Ein Kind mit Schreianfällen

Ein Kind mit Schreianfällen

Aline, 3 Jahre alt

 

Ein Beispiel aus dem Tageszentrum Miteinander Füreinander Meilen, Leitung: Dr, med. Lilly Merz Raff und Diethelm Raff, Psychologe FSP

 

Aline ist ein drei Jahre altes Mädchen. Sie lebt mit ihrem Vater und ihrer Mutter zusammen, beides junge, sehr nette und um das Wohl ihrer Tochter bemühte Eltern. Vor einem halben Jahr hat sie einen kleinen Bruder bekommen. 

Nach dem ersten Besuch der Mutter haben wir Folgendes erfahren:

Seit ihrem ersten Lebensjahr wird Aline immer wieder von heftigsten Verzweiflungsanfällen geplagt. Wegen nebensächlichen Kleinigkeiten beginnt sie zu schreien, zu weinen und zu toben und lässt sich durch nichts und niemanden beruhigen. Gewöhnlich dauert es ungefähr eine halbe Stunde, während der Aline nicht ansprechbar zu sein scheint und bloss wild um sich schreit, bis sie erschöpft in sich zusammen sinkt.

Es kann geschehen, dass Aline zum Fenster hinaus schaut und feststellt, dass es draussen schon dunkel ist, sie aber möchte zu gern, dass es noch hell ist. Das genügt, um in Aline eine so heftige Verunsicherung auszulösen, dass sie wild zu schreien beginnt. Oder sie steht mit der Mutter auf dem Bahnsteig und der Zug fährt ein – jedoch auf dem anderen Gleis als auf dem erwarteten. Oder aber Aline kommt in die Küche und fragt die Mutter, was es zu essen gibt. Aline geht davon aus, dass die Mutter Spaghetti kocht. Die Mutter allerdings kocht Risotto. Solcherlei Dinge genügen, und Aline bekommt einen sogenannten "Anfall".

Aline selbst versteht nicht, was mit ihr passiert. Manchmal jedoch sagt sie nach einer solchen Attacke zu ihrer Mutter: 'Mama, der Horror ist wieder gekommen.' 

Eines Tages, als Aline von einem besonders heftigen Anfall ergriffen wird, rufen die Eltern wie vereinbart Pia an, eine junge Psychologin, sie möge vorbei kommen und schauen, ob etwas zu erreichen wäre. 

Pia nimmt ein grosses Bilderbuchmit, das sie mit Aline zusammen in der letzten Stunde lange angeschaut und besprochen hat und an dem Aline grosse Freude gehabt hat. Als Pia bei Aline zuhause ankommt, ist das Mädchen in grösster seelischer Aufruhr. Es rennt von einem Zimmer zum nächsten, weinend und schreiend, der Mutter hinterher und wieder von ihr weg. Immer wieder schleift Aline eine Decke hinter sich her, die sie unbedingt haben will, dann wieder unbedingt los sein will – und immer soll die Mutter ihr die Decke sofort geben oder sie wegschaffen. Bald soll die Mutter auf der Stelle die Vorhänge schliessen und das Zimmer verdunkeln, im nächsten Moment aber will Aline die Vorhänge unbedingt wieder geöffnet haben. Bei alledem scheint Aline in grösster Verzweiflung zu sein – und nichts, was die Mutter unternimmt, kann sie beruhigen, denn im nächsten Moment ist es wieder das Falsche und Aline will das pure Gegenteil von dem, was sie noch vor einer Minute unter Tränen und Geschrei von der Mutter zu tun gefordert hat. 

Diese Tatsache zeigt, dass es weder um Spaghetti noch darum geht, ob das Zimmer hell oder verdunkelt ist.  

Um nachvollziehen zu können, was in Aline vorgeht, müssen wir ein Bild davon haben, wie Aline die Welt wahrnimmt, in der sie lebt. Dazu brauchen wir einerseits eine Vorstellung darüber, wie sich die Welt ihr bislang präsentiert hat, anderseits müssen wir verstehen, welche Schlüsse das Mädchen für sich daraus gezogen hat:

Alines Mutter war stets sehr darum bemüht, der Tochter ein schönes Leben zu bereiten. 

Aus ihrer eigenen Gefühlslage heraus hat sie seit Alines Geburt versucht, jedem Wunsch und jeder Regung des kleinen Kindes sofort nachzukommen – wenn immer möglich sogar zuvorzukommen. Die Mutter hat alles daran gesetzt, dass Aline mit ihr und der Welt zufrieden sein konnte. 

So also hat das Mädchen das Leben kennengelernt. Auf den frühen Erfahrungen ihrer ersten Lebensjahre basierend hat Aline unbewusst für sich ein Bild davon entwickelt, wie die Beziehung gestaltet sein muss, damit sie sich in dieser Welt wohl fühlen kann – mehr noch: um sich der Liebe und Zuneigung ihrer Eltern gewiss zu sein und sich aufgehoben zu fühlen. Hierbei geht es um ein existentielles Wohlbefinden, um das Gefühl der Sicherheit, der unbedingten Zuneigung und des Getragenseins in der Beziehung. 

Das Bemühen der Mutter hat es unglücklicherweise mit sich gebracht, dass Aline heute überempfindlich gegenüber jeglichen Abweichungen von ihren eigenen Vorstellungen reagiert – reagieren muss! Denn in ihrem Gefühl, auf der Basis ihrer Lebenserfahrung und den daraus gezogenen Schlüssen, ist jede solche Abweichung in der Umwelt gleichbedeutend mit einem Verstossen werden. Sie kann sich gefühlsmässig nichts anderes vorstellen, als dass die Mutter sie nicht mehr liebt, wenn diese etwas anderes kocht als dasjenige, wovon Aline stillschweigend ausgegangen ist. 

Äusserlich könnte man es als geringe Frustrationstoleranz beschreiben, als eine Überempfindlichkeit gegenüber Abweichungen von ihren eigenen Vorstellungen, doch gilt es zu verstehen, wodurch diese Empfindlichkeit begründet ist. Alines gefühlsmässige Wahrnehmung ist einem unbewussten Irrtum unterworfen: Noch meint sie nämlich, nur dann ruhig leben und sich wohl fühlen zu können, wenn alles gemäss ihren Vorstellungen vor sich geht. Kinder leben gewöhnlich dann ruhig und fühlen sich wohl, wenn sie sich der Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit ihrer wichtigsten Bezugspersonen sicher sind. Hierin liegt Alines unglückliche Verwechslung: Sie wertet es nämlich als Zeichen der Zuneigung, wenn die Welt ihren Vorstellungen folgt. Umgekehrt bedeutet dies - und das ist für sie das Verhängnisvolle: Sie wird schlagartig von einer existentiellen Verunsicherung und einem Verlassenheitsgefühl schlimmster Art ergriffen, wenn sich die Realität nicht in Übereinstimmung mit ihren eigenen Vorstellungen verhält. 

Aus dieser gefühlsmässigen Verknüpfung heraus lässt sich auch Alines Verhalten während eines sogenannten "Anfalls" nachvollziehen: Aline tut im Grunde das Naheliegendste in der Situation, in der sie sich befindet. Aus der Überzeugung heraus, dass ihr die Liebe und Zuneigung ihrer Umwelt abhanden gekommen ist, versucht sie mit allen Mitteln, sich dieser wieder zu versichern. Und aufgrund ihrer bisherigen Interpretation, dass sich die Liebe und Verbundenheit ihrer Mutter daran misst, ob und wie sehr die Mutter Alines Ansprüchen Folge leistet, jagt ein Einfall den anderen und Aline fordert bald dies, bald das von ihrer Mutter.  

An diesem Punkt wird auch klar, dass es nicht um die Erfüllung der Forderung gehen kann – denn dann müsste sich Aline ja beruhigen, sobald sie bekommen hat, was sie will. Aline aber ist in ihren Grundfesten erschüttert, denn sie meint, der Zuneigung und Verbundenheit ihrer Eltern beraubt zu sein. Auf dieser gefühlsmässigen Ebene muss das Kind beruhigt werden. 

Die Schwierigkeit dabei liegt für uns Erwachsene erst mal darin, dass wir uns sicherer sein müssen als Aline, dass sich unsere Liebe nicht darin zeigt, wie prompt wir ihre Wünsche erfüllen und ihre Forderungen befriedigen, denn genau hierin besteht ja Alines Irrtum. Es ist im Gegenteil unsere Aufgabe, dem Mädchen die Sicherheit zu vermitteln, dass es sich unserer vollen Zuneigung gewiss sein kann – unabhängig davon, ob wir seinen Erwartungen entsprechen oder nicht. Ausserdem – und das ist die zweite, nicht minder grosse Herausforderung – müssen wir es fertig bringen, uns durch das Schreien und Toben des Kindes nicht abgelehnt zu fühlen und uns in der Folge zu ärgern, sondern das gezeigte Verhalten des Kindes als ein Ausdruck äusserster seelischer Not zu verstehen, um angemessen darauf reagieren zu können. So gesehen wird auch klar, dass es ein kurzsichtiger Fehlschluss wäre zu glauben, das Kind erzwinge sich lediglich Aufmerksamkeit und es müsste die Erfahrung machen, dass es damit nicht durchkomme – beispielsweise in dem es ins Zimmer gesperrt, geschimpft oder ganz einfach ignoriert wird. Solcherlei Massnahmen sind sprichwörtliches Öl ins Feuer gegossen und bestätigen vielmehr das verunsicherte Kind in seiner Fehleinschätzung, nicht mehr geliebt zu sein oder seinen Platz bei den Eltern verloren zu haben. Nichts schmerzt mehr, als weggesperrt zu werden, während der Rest der Familie gemütlich beisammen sitzt und spielt, oder ignoriert, übersehen oder gar geschimpft zu werden, wenn man verzweifelt darum ringt, anerkannt und geliebt zu sein – und umso bedrohlicher und grösser wird die Not und das Gefühl des Verlassenseins. 

Kehren wir also in die Situation zurück, als Pia bei Aline zuhause ankommt. Das Mädchen scheint völlig ausser sich zu sein, schreit wild herum, weint und stampft. Der "Anfall" sei wie aus dem Nichts gekommen, erklären die Eltern. Aline habe ihren Mittagsschlaf gemacht, und als sie erwacht sei, habe sie angefangen zu schreien. 

Pia betritt die Wohnung, geht auf die tobende Aline zu, begrüsst sie ganz normal und beginnt freundlich mit dem Mädchen zu reden. Sie versucht dem Kind sein Gefühl zu deuten, das es selber nicht zu verstehen in der Lage ist, indem sie sagt: "Du hast dich sicherlich erschreckt, als du aufgewacht bist. Du hast geschlafen, und als du die Augen aufgeschlagen hast, warst du dir auf einmal nicht mehr sicher, ob noch alles ist wie vorher, ob deine Mama dich noch immer lieb hat." Aline rennt schreiend und weinend umher. Pia fährt fort: "Das ist gut, dass ich gerade da bin, da kann ich dir gleich versichern, dass alles in Ordnung ist. Deine Mama hat dich lieb und freut sich ab dir. Und auch ich freue mich, dich zu sehen." Aline rennt in der Wohnung umher, an Pia vorbei in die Küche, wo die Mutter steht, dann wieder aus der Küche hinaus in ein anderes Zimmer, aber nicht weit von Pia weg. Pia setzt sich in der Mitte der Wohnung auf den Boden und spricht weiter mit ihr: "Komm ruhig Aline, du kannst dich zu mir setzen und wir schauen uns das Buch an. Weisst du noch, das mit den Pinguinen? Das hat uns beiden letztes Mal so gut gefallen, da hatten wir's ganz schön zusammen." Aline kurvt um das grosse Buch herum, das bei Pia auf den Knien liegt, sichtlich hin und her gerissen, aber die Unsicherheit überwiegt. Sie hört nicht auf zu weinen, sondern rennt von einem Ort zum anderen, an Pia vorbei, klappt das Buch zusammen und schreit Unverständliches in deren Richtung. Pia spricht unbeirrt weiter, lädt Aline ein, sich mit ihr das Buch anzuschauen und erzählt ihr weiter von der Geschichte mit den Pinguinen – ohne Erfolg. Ein Schmetterling aus bunter Pappe, den Aline letztes Mal besonders geliebt hat, fällt aus dem Buch. Pia streckt ihn Aline entgegen: "Schau, dein Schmetterling!" Aline verschanzt sich in einer Ecke, aus der sie hervor heult und kreischt. Pia lässt sich nicht beirren und bekräftigt wiederholt, dass sowohl die Mutter als auch sie selber Aline sehr lieb hätten und dass Aline gar keine Angst zu haben brauche. Daraufhin schreit ihr Aline, die in solchen Situationen als unansprechbar gilt, aus voller Kehle entgegen: "Doch, ich muss Angst haben!" 

So geht es einige Zeit weiter, während der Aline die unbewusste Überzeugung beibehält, alle Zuneigung verloren zu haben und toben und schreien zu müssen. Doch auch Pia behält ihre Überzeugung bei und tut diese wiederholt und wohlwollend dem schreienden Mädchen kund – jedoch ohne sichtbaren Effekt.

Nach einiger Zeit klappt Pia ihr Buch wieder zu. Sie sagt ruhig aber deutlich, so dass es Aline durch ihr Geschrei hindurch hören kann: "So Aline, ich muss mich jetzt leider wieder auf den Weg machen. Ich nehme das Buch mit, aber du weisst ja, dass du es jederzeit anschauen kommen kannst. Ich freue mich sehr, wenn du kommst, Aline. Du bist ein ganz tolles Mädchen und ich mag dich sehr gern. Ich freue mich schon aufs nächste Mal, wenn wir uns wieder sehen." Als Pia bei der Tür ankommt, ist es ruhig geworden. Aline klammert sich an ihre Mutter, die im Flur steht, und drückt ihr verheultes Gesicht an deren Körper. Sie schnupft nur noch leise. Pia geht zu Aline zurück, streicht ihr kurz übers Haar und wiederholt, dass sie sich sehr freue, sie bald wieder zu sehen. Aline scheint abwesend und völlig erschöpft. Nach ein paar weiteren Worten verlässt Pia die Wohnung. 

Eine Stunde später klingelt es an der Tür von P’s Praxis. Pia öffnet und draussen steht, scheu lächelnd, Aline! An der einen Hand hält sie ihre Mutter, die andere streckt sie Pia freudig entgegen: "Schau, du hast deinen Schmetterling vergessen! Ich habe ihn dir gebracht." Aline hält Pia den bunten Pappschmetterling entgegen. Pia kniet sich zu Aline hinunter und nimmt den Schmetterling in Empfang. "Aline, du bist ein Schatz! So lieb von dir! Und wie ich mich freue, dich nochmals zu sehen!" Aline strahlt. Dann drückt sie sich an die Beine ihrer Mutter, schaut Pia verlegen an und meint: "Weisst du, wir kennen uns eben noch nicht so gut."

Alines Feststellung ist die genaue Erklärung eines gerade mal drei Jahre alten Kindes, warum es ihr nicht möglich gewesen ist, Pia so viel Vertrauen zu schenken, dass sie sich gleich hätte beruhigen können. 

Aline hätte es nur zu gerne geglaubt, dass alles in Ordnung ist, dass sie keine Angst zu haben braucht und nicht bangen muss um die verlässliche und beständige Zuneigung ihrer Eltern – aber, und da hat das Kind völlig recht: Damit wir einem anderen Menschen etwas so Gewichtiges abnehmen können, muss grosses Vertrauen gegeben sein. 

Dieses Vertrauen ist in Aline schrittweise dadurch gewachsen, dass sie sich verstanden gefühlt hat. Pia hat Alines Gefühle in Worte zu fassen versucht und auf diese Weise ausgedrückt, was dem Kind nur durch Schreien möglich war. Dies allein konnte aber noch nicht genügen. Es brauchte zusätzlich die Erfahrung, dass Aline auch in ihrer grössten Aufregung und trotz Toben und Schreien nicht abgelehnt wurde. Pia begegnete Aline die ganze Zeit über zugewandt und einladend, unabhängig davon, wie vordergründig abweisend und feindselig Aline sich verhielt. Sie versuchte sich laut in Aline einzufühlen und gab dem Mädchen so einerseits die Möglichkeit, seine eigenen Gefühle zu verstehen, anderseits – und das war in dieser Situation noch weit wichtiger – erfuhr Aline, dass man bemüht war, sie in ihrer Not zu verstehen, dass man sich ihr annahm und ihr jene Zuneigung entgegen brachte, um die sie ja gerade bangte. 

Dies erklärt auch, warum sich Aline am Ende so plötzlich beruhigen konnte. Als Pia Aline ankündigte, dass sie nun gehen müsste, tat sie dies nicht ohne Aline ausdrücklich einzuladen, sie wieder besuchen zu kommen. Das bedeutet, dass Pia Aline bis zum Ende nicht aufgegeben hat; sie hat sie weder zurückgestossen noch geschimpft und hat Aline damit jenen Beweis geliefert, den das Mädchen noch brauchte, um Pia auch den Inhalt ihrer Worte abnehmen zu können. 

Anders ausgedrückt: Ein in der Beziehung höchst verunsichertes Mädchen schreit und tobt, weil es glaubt, die Liebe seiner Mutter verloren zu haben. Die Mutter, die die Gefühlslage des Kindes nicht erahnen kann, findet sich wiederholt in ausweglosen Situationen wieder. In ihrer eigenen Hilflosigkeit reagiert sie mit Verzweiflung und letzten Endes mit Ablehnung dem schreienden Kind gegenüber – und da hat das Kind den unseligen "Beweis" für seine gehegten Befürchtungen und findet nicht heraus aus seiner Verunsicherung, sondern gerät nur immer stärker in Not.

Die Tatsache, dass Aline zu Pia fahren wollte, eigens um ihr den vergessen gegangenen Schmetterling zu bringen, zeigt, dass das Mädchen sich verstanden gefühlt hat und durch Ps beständige Zuneigung jenes Vertrauen gewonnen hat, das es Aline in der Folge möglich machen sollte, sich Pia gegenüber zu öffnen und sich ihre anzuvertrauen. 

Aline verabschiedet sich sodann mit den Worten: "Nächstes mal werde ich nicht mehr toben, wenn wir das Buch zusammen anschauen."

 

 

Geburtstagsbrief an eine Tochter

Aus Phyllis Bottome: Alfred Adler aus der Nähe porträtiert

VTA Verlag, ISBN 978-3-00-040056-8

 

 

Geburtstagsbrief an eine Tochter (ohne Datum)

 

Meine süße, gute, kleine Vali (Walerl),

 

Du weißt schon, dass Du erwachsen bist und du hast eine ziemlich gute Idee davon, wie das Leben ist. Da ist vielleicht eine Sache, die Du noch nicht weißt - oder, um mich klarer auszudrücken, über die Du nicht nachdenkst, wie viele andere auch nicht über das nachdenken, was sie schon wissen! Früher war ich genau so, und vielleicht kam ich etwas zu spät zu dieser Erkenntnis.

Es ist wirklich einfach zu verstehen: Das Leben ist voller Schwierigkeiten, die immer wieder auftauchen, so dass wir, aus nur einer Perspektive auf unsere Existenz blickend, meinen, dauernd gegen Schwierigkeiten und Hindernisse zu kämpfen. Aus anderer Perspektive sieht das Leben wieder anders aus - als sei eine Person immer glücklich und eine andere immer unglücklich. Dieses Glück hängt jedoch in der Hauptsache von dem Blickwinkel ab, den wir uns zu Eigen machen, und immer von dem Ziel, das wir uns setzen. Ist dieses Ziel zu hoch angesetzt oder gar unerreichbar, dann kommt es natürlich stets aufs neue zu Rückschlägen und Enttäuschungen. Es macht das Unglück dieser Menschen aus, dass sie sehr oft nicht einmal um die Existenz eines zu hoch angesetzten Zieles wissen. Beobachtet man sie jedoch, kann man es leicht aus ihrer ewigen Unzufriedenheit und Humorlosigkeit erraten.

Allerdings können die Dinge für sie leichter ertäglich werden, wenn sie den Zusammenhang verstehen und wenn sie anerkennen können, dass nur eine Sache fehlt, um glücklich und heiter zu sein: Sie müsen aufhören, ihr altes Ziel zu ernst zu nehmen. Die verbleibenden Lebensschwierigkeiten zu beweisen, oder falls sie unüberwindlich sind, zu lernen, sie zu ertragen. 

Ich kannte einmal einen Jungen aus einer sehr reichen Familie, der in dieser geschäftigen Welt das Leben eines Lotus-Essers 63 führen wollte. Er tat sein Mögliches für dieses Ziel, indem er nichts tat, und die Mitglieder seiner Familie halfen ihm dabei, indem sie ihm bereitwillig jede Schwierigkeit, auf die er stieß, aus dem Weg räumten. Die Ergebnisse waren kläglich. Seine Talente blieben ungenutzt, und für sein Alter war er stark zurückgeblieben. Nirgends fühlte er sich zuhause, und jeder lachte über ihn.

Statt dass er bei sich selbst nach der Ursache seines Versagens suchte, um es zu überwinden, suchte er sie bei anderen Leuten. Das machte ihn misstraurisch, neidisch, furchtsam und unsozial, nur um sich zu beweisen, dass er wie immer Recht hatte und seine falsche Einstellung nicht zu ändern brauchte.

In gewisser Weise sind wir alle wie dieser Junge. Wir alle, Männer wie Frauen, geben die Schuld für unsere Fehler gerne den anderen oder den widrigen Umständen, also Fakten, die nicht zu ändern sind. Nur ungern erinnern wir uns daran, dass jedermann von Sorgen und Schwierigkeiten geplagt ist und dass sie nur eine Lösung zulassen: Nämlich selbst stärker zu werden, indem wir die Probleme überwinden und sie nicht fürchten, auch wenn sie unabänderlich sind.

Ich habe gelernt, das Leben auf diese Weise zu betrachten. Vielleicht  hast Du denselben Standpunkt erreicht! Wenn nicht, dann versuche nur einmal, von dieser vorteilhaften Warte aus auf Dein Leben zu schauen. Ich glaube, diese Einsicht ist das Beste, was ich besitze und daher das beste Geschenk, das ich Dir zum Geburtstag machen kann, meine liebe, kleine Vali.

Vor Jahren schrieb ich Dir einmal (leider bin ich so selten bei Deinen Geburtstagen dabei), dass Du mir nur Freude gebracht hast und im Geist immer bei mir warst. Wenn es Dich erfreut, dann lass mich sagen, dass ich die Worte heute wiederholen kann, wie immer in der Vergangenheit. Auch heute bin ich im Geiste mit Dir und lebe in Deinem Glück.

 

Dein dich liebender Vater grüßt und küsst Dich.

 

63Volk Nordafrikas, das Lotusfrüchte aß, wodurch die Erinnerungen schwanden.

 

Anmerkung des Verfassers der Website: Es ist die damals 11-jährige gewordene Tochter Vali gemeint.

 

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