Tageszentrum Miteinander Füreinander Meilen

Begegnungs- und Bildungszentrum

Die Entstehung und Überwindung von starken Angst- und Ohnmachtsgefühlen

Die Entstehung und Überwindung von starken Angst- und Ohnmachtsgefühlen 

 

Zusammenfassung aus einer Reihe von Seminaren und Gruppentherapien im Tageszentrum Miteinander Füreinander Meilen, unter der Leitung von lic. phil. Diethelm Raff und Dr. med. Lilly Merz Raff

 

Aufgezeichnet von T. C.

Herr Xherdan (Name geändert) ist ein herzlicher und aufmerksamer Mann mittleren Alters, der feinfühlig auf die Menschen zugeht und alles sehr genau nimmt. Wenn man ihn kennenlernt, erlebt man ihn als sehr höflich, auch vorsichtig und zurückhaltend; hoch achtsam darauf, wie er sich verhält. Er ist sehr genau und schaut darauf, wie er die Dinge machen muss, damit es recht ist. Er wirkte eingeknickt in seiner Haltung, als er mit seinem Problem in die Behandlung kam. 

Er suchte Hilfe in der psychotherapeutischen Behandlung, weil er unter Depressionen mit starken Angst- und Panikgefühlen sowie unter Zwängen litt, die soweit gingen, dass ihm das Leben sinn- und hoffnungslos vorkam und er das Gefühl hatte, das Leben entrinne ihm, so dass er sogar daran dachte, nicht mehr leben zu wollen. Er als hochmotivierter Mitarbeiter hatte fast jegliches Interesse an seiner Arbeit verloren und dachte an einen Stellenwechsel, schleppte sich durch den Tag, war unzufrieden, ohne seinen sonstigen Humor und seine Spritzigkeit und schnell verärgert, was allerdings von seinen Kollegen kaum bemerkt werden konnte. 

Er war zudem von der Vorstellung geplagt, dass seine Ex-Frau, die im Kosovo lebte und meilenweit entfernt war, ihn aufsuchen und ihm sein Glück zerstören könnte, das er mit seiner neuen Frau und ihren neugeborenen Zwillingen gewonnen hatte. Er hatte sich zwar bereits fünf Jahre zuvor von der Ex-Frau getrennt, weil sie und ihre Familie ihn ständig von oben herab behandelt, kritisiert und angeschrien hatten, ohne dass er sich zu wehren wusste; diese belästigte ihn aber immer noch mit Anrufen und Emails, in denen sie ihm Vorwürfe machte. Sie war sogar einmal nach der Scheidung in die Schweiz gereist und hatte vergeblich versucht, ihn dazu zu bringen zurückzukommen. Diese Belästigungen waren aber keine echte Bedrohung, sondern sind eigentlich normal und verstehbar, wenn man die albanische Kultur kennt. Die Frau war damit beschäftigt, ihre Ehre zu retten, da sie diese als vom Mann verlassene Frau in der albanischen Kultur verloren hatte. Ihre Beschimpfungen und ihre Versuche, ihn zu zwingen, zu ihr zurückzukommen, waren gebräuchlich und konnten ihm eigentlich nichts anhaben, weil er ja von ihr unabhängig und ihr in keiner Weise verpflichtet war. 

Herr Xherdan kam dadurch aber in grosse Angstgefühle und bekam den Gedanken nicht mehr los, dass sie wieder auftauchen und ihm oder seiner Familie auf irgendeine Art etwas antun könnte. Er begann, jeden Abend stundenlang vor dem Fenster in der Wohnung zu sitzen und zu beobachten, ob ein Auto vorfuhr, aus dem die Ex-Frau aussteigen könnte. Es wurde zu einem Zwang, von dem er nicht mehr loskam. Dabei hatte die Ex-Frau seine Wohnadresse gar nicht, aber er befürchtete, dass sie diese ausfindig machen könnte. 

Real gesehen hätte diese Situation mit der Ex-Frau keinen Einfluss auf Herr Xherdans Leben haben müssen. Da sie jedoch auf eine in der Kindheit entstandene Gefühlslage von ihm trafen, waren die Auswirkungen dieser Situation auf sein Gemüt sehr heftig. Er erlebte in dieser Situation etwas, wofür –  wie bei allen Menschen – der Boden in der Erziehung gelegt worden war, durch die Erlebnisse in seiner Kindheit und durch die Gefühlslage und Charakterhaltung, die sich daraus gebildet hatte.  

Derartige Gefühle von Angst und Ausgeliefertsein hatte er nämlich sein ganzes Leben lang schon gehabt, allerdings in schwächerer Ausprägung und für ihn selbst kaum bemerkbar. Er begann in der Therapie zu erkennen, dass ihn diese Angst schon sein ganzes Leben lang begleitet hatte, und dass er diese verstehen und auflösen musste, um sich auch von den aktuellen Panikgefühlen und Zwängen frei zu machen.  

Seine Gefühlslage – also die Meinung, die er unbewusst über das Leben entwickelt hatte – und die Einschränkungen, die diese Meinung für ihn im realen Leben beinhaltete, zeigten sich bei Herr Xherdan auch bei der Arbeit. Er konnte nie nein sagen, half allen Kollegen sofort, und übernahm jede Aufgabe. Er erfüllte seine Kompetenzen viel mehr als genügend, war Spezialist auf seinem Gebiet und hatte sich vorgenommen, dass es nichts geben sollte, was er nicht weiss, bzw. dass er alles macht und alles lernt, um gut genug zu sein. Er geriet zur selben Zeit auch dort in ein Gefühl, seine Chefin verlange immer mehr, bemängle nur seine Fehler, und er verspürte eine immer grössere Last auf seinen Schultern. Er fühlte sich auch am Arbeitsplatz ohnmächtig und ausgeliefert. 

Wegen all dieser schwerwiegenden Symptome musste er von einem Psychotherapeuten krankgeschrieben werden und er begab sich in eine intensive Auseinandersetzung in Einzel- und Gruppengesprächen, um die Ursache seiner Gefühlsverstrickungen zu verstehen und diese aufzulösen. Dazu gehört es, sein ganzes Verhalten, Denken und Fühlen als Ergebnis von Kindheitseindrücken zu erfassen.

 

Die Kindheit

Herr Xherdan ist mit seinen Eltern und einer drei Jahre jüngeren Schwester in einem Dorf in Österreich aufgewachsen. Seine Eltern sind beide albanischer Abstammung, Herr Xherdan fühlt sich aber ganz als Österreicher. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass er viel Zeit bei einer Nachbarsfamilie verbracht hatte. Er war dort immer zum Frühstück, Mittagessen und Vesper, fühlte sich bei den Nachbarn mehr zu Hause als bei seinen Eltern, weil sie viel netter mit ihm umgingen, und deshalb ging er ungern am Abend zu den Eltern zurück. Für ihn waren die Tageseltern „Mama“ und „Papa“, und deren Töchter seine Geschwister. 

Nebst diesen Informationen hatte Herr Xherdan allerdings zu Beginn der Auseinandersetzung mit seiner Geschichte kaum Erinnerungen an die Zeit, als er jünger als 15 Jahre alt war. Wie sich herausstellte, lag das daran, dass die Stimmung zu Hause und viele Erlebnisse einfach zu unangenehm, zu schlimm gewesen waren. Dies war auch der Grund, wieso er so gerne bei der Tagesfamilie gewesen war: Zu Hause war es nicht schön, sondern angespannt und gefährlich, auch wenn seine hoch gebildeten Eltern ihr Bestes gaben, überall beliebt und aktiv teilgenommen hatten und hohe ethische und fortschrittliche Werte vertraten. 

Im Laufe von gruppentherapeutischen Gesprächen kam Herrn Xherdan immer mehr in den Sinn, wie er sich in seiner Kindheit gefühlt hatte; es wurde ihm bewusst, in welchem Umfeld seine Gefühlslogik entstanden ist. Als er hörte und spürte, dass andere Menschen Ähnliches erlebt hatten, als er von anderen deren Geschichte hörte, kamen ihm wieder Erinnerungen zurück. Als zum Beispiel ein Mann vortrug, der bei seinen Eltern eine sehr strenge Behandlung mit viel Schimpfe und Schlägen erfahren und daraus grosse Ängste entwickelt hatte, sah sich Herr Xherdan in ihm. Er erinnerte sich, dass bei seinem Vater ein einziger Blick gereicht hatte, damit er als Kind wieder verstummte und wusste, dass er sofort aufhören musste. Eine solche Reaktion ist immer ein Hinweis darauf, dass die Behandlung als Kind von Gewalt und scharfer Kritik geprägt ist. Der Blick des Vaters bedeutete für Herrn Xherdan: „Wenn Du jetzt nicht parierst, wirst Du zur Sau gemacht.“ Und er fügte an: „Die Sau hätte es noch besser gehabt.“ In anderen Worten, die Behandlung war so schlimm, wie man sie eigentlich keinem Tier antun würde. 

In der Auseinandersetzung mit seinem Werdegang kamen ihm weitere Erinnerungen in den Sinn, die zeigten, dass Herr Xherdan die ganze Kindheit hindurch solchen angsterregenden Situationen ausgeliefert war: Als er 5 Jahre alt war, ist er mit seiner Familie bei einer anderen Familie zu Besuch gewesen. Als er ein Spielzeug in die Hand nehmen wollte, habe ihn der Vater gepackt und vom Sofa in die Ecke geschleudert. Der Vater sah es als schlimmen Verstoss an, dass sein Sohn ein fremdes Spielzeug anfassen wollte, ohne um Erlaubnis zu bitten. 

Er erinnerte sich auch daran, dass er als Kind Nägel kaute. Dies war wohl bereits Ausdruck seiner inneren Nervosität, seiner Angst, dass zu Hause jederzeit etwas passieren könnte. Der Vater verbot es ihm dreimal und als er immer noch nicht aufgehört hatte, packte er den kleinen Herr Xherdan, warf ihn zu Boden, setzte sich mit seinem ganzen Gewicht auf seinen Bauch und drückte am Arm seines Kinder eine Zigarette aus, um ihm dieses Fehlverhalten ein für alle Mal auszutreiben. 

Es sind erschreckende Schilderungen und in diesen Beispielen wird die Unberechenbarkeit und die Heftigkeit seines Vaters deutlich, die die Charakterentwicklung von Herrn Xherdan bestimmten. Er erlebte damals und auch später, dass ihm aus dem Nichts oder wegen einer Kleinigkeit Gewalt angetan werden kann. 

Dabei kommt das Kind auf die Welt und möchte gerne mit seinen Mitmenschen gut in Beziehung sein, ist aufs Lernen eingestellt, ist auf seine Eltern ausgerichtet. Ein Kind wie Herr Xherdan erlebt dann aber, dass es abgeschmettert wird, dass es die Beziehung verlieren, dass es drankommen kann, dass es gewalttätig behandelt wird. Dies löst im Kind ständige, grosse Ängste aus und das Kind beginnt, mit allen Mitteln zu verhindern, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Herr Xherdan fing deshalb schon früh an, äusserst genau aufzupassen, sich sehr anzustrengen, alles richtig zu machen, auf diesem Boden alle Erlebnisse in seinem Leben zu interpretieren und mit dieser Haltung mit anderen Menschen umzugehen. Er konnte nicht wissen, dass sein Vater seine Affekte aus der eigenen Erziehung mitgenommen hatte und seinem geliebten Kind eigentlich nie etwas antun wollte, sondern es einfach nicht besser wusste.  

Und trotz seinen Anstrengungen machte er als Kind die Erfahrung, dass der Vater wieder geschrien hat, obwohl er als Kind sein Bestes versucht hatte. Er schloss unbewusst daraus, dass er  Kritik und Gewalt ertragen, über sich ergehen lassen muss. Das führte zu einem ganz dumpfen Gefühl, das ihm ermöglichte, nicht mehr spüren zu müssen, wenn andere ihn schlecht behandelten. Er lebte nach dem Motto: Ich bin dem anderen ausgeliefert, ich habe keine Wirkung, ich bin ein schlechter Mensch. Um wenigstens ein bisschen besser zu sein und um zu beweisen, dass ich nicht so schlimm bin. strenge ich mich an, solange man sich ein bisschen über mich freut. Es war für ihn ganz selbstverständlich und er hätte deshalb nie darüber gesprochen, dass er versucht, innerlich beim anderen ständig abzuspüren, was man ihm noch vorwerfen und wie er dem vorbeugen könnte. 

Im Grunde lebte er aber mit einem grundlegenden Vorbehalt gegenüber allen Menschen. Auch dass der Vater zwischendurch wieder nett und zugewandt war, hatte kein Gewicht, denn das Kind hat den Schreck wiederholt erlebt und ist überzeugt davon: „Ich weiss nie, wann es wieder anders ist.“ Herr Xherdan erinnerte sich  deshalb auch, dass er abends immer der Letzte gewesen war, der ins Bett ging und einschlief. Er meinte, er hätte immer gewartet, bis alle anderen schliefen, um sicher zu sein und sich entspannen zu können, dass jetzt alles ruhig und in Ordnung wäre, und er nicht mehr aufpassen müsste. So alleine fühlte er sich, so sicher war er im Gefühl, dass normalerweise die Welt jederzeit gefährlich sein konnte, so wenig war ihm dies schon als Kind bewusst, dass er in den ganzen Kindheitsjahren nie auch nur auf die Idee kam, mit seinen netten Nachbarn, die er als zweite Eltern ansah, darüber zu sprechen, was ihn tagein tagaus umtrieb. 

Herr Xherdans Mutter konnte seinem entstehenden Weltbild in den ersten Lebensjahren wenig entgegensetzen, da sie zwar nicht gewalttätig, aber auch sehr streng war. Für sie war zudem klar: „Was der Vater sagt, ist richtig.“ Und so kam er nicht einmal auf die Idee, die Handlungen des Vaters in Frage zu stellen, geschweige denn zu widersprechen. Nur in kurzen Momenten meinte er zu merken, dass sie manchmal mit dem Vater nicht einverstanden war, wenn er so geschunden wurde. Zudem fühlte er sich dem häufigen heftigsten Streit der Eltern ausgeliefert und sass verängstigt in seinem Zimmer, darauf wartend, dass buchstäblich die Welt bald untergehen würde. 

Wie so oft in einer autoritären Erziehung hörte Herr Xherdan immer wieder, dass der Vater nur deshalb so heftig sein musste, weil Herr Xherdan sich so schlecht benimmt. Er wurde als ältester Sohn sogar dafür beschuldigt, alle Schwierigkeiten in der Familie zu verursachen. Das lag auch daran, dass der Vater bereits als Jüngster in seiner eigenen Familie, den älteren Geschwistern alles zugeschoben hatte. Herr Xherdan erinnert sich, dass er für die Probleme der Erwachsenen für zuständig erklärt wurde. Beispielsweise kam die Mutter, als er etwa 12 Jahre alt war, wegen Panik und Depressionen in die psychiatrische Klinik. Er vermutet heute, dass dies das Resultat davon war, dass sich auch die Mutter dem Vater gegenüber hilflos und ausgeliefert fühlte. Als sie von der Klinik nach dem ersten Besuch nach Hause gingen, habe der Vater zu seinem Sohn gesagt: „Du bist schuld, dass Deine Mutter jetzt so schlecht dran ist.“ Solche Schuldgefühle plagten ihn das ganze Leben bei der Arbeit und mit Freunden, kaum ergab sich eine schwierige Situation.

Sein ganzes Lebens richtete er darauf alles für alle korrekt zu machen. Deshalb sagte er: „Ich habe mir im Leben vorgenommen, nach dem kategorischen Imperativ zu leben“. Der kategorische Imperativ bedeutet: Ich handle so korrekt, dass meine Handlungen zur allgemeingültigen Regel des richtigen Handelns unter allen Menschen hochgehoben werden könnte. Er konnte sich also nicht mit den Menschen frei zusammentun, und zusammen beratschlagen, wie man sich beieinander findet, sondern entwickelte von Anfang an gar keine Wünsche, sondern war immer darauf bedacht, den anderen zufriedenzustellen. Wenn er dem mit all seinen Vorstellungen, wie man sich zu benehmen hatte, den anderen nicht zufriedenstellen konnte, dann wusste er nicht mehr weiter. Er machte sich dann nur Vorwürfe, wenn es für ihn in seinem Gefühl so scheint, dass dies nicht gelingt. Das bedeutete auch, dass er immer alleine blieb im Gefühl, da er ja ständig damit beschäftigt war, den anderen zu besänftigen. Er war in keiner Weise darauf vorbereitet, schwierige Situationen mit anderen Menschen zu lösen, wenn er sie nicht mit Wohlverhalten besänftigen konnte. 

Er lernte also die Welt als einen sehr gefährlichen Ort kennen und wurde überzeugt, dass sowieso etwas Schlimmes über ihn kommen wird, und dass er sich dann nur noch zurückziehen kann und am besten wartet, bis alles wieder vorbei ist.  

Bei ihm hatte sich als Kind nämlich auch die Überzeugung gebildet, dass er am besten verharrt und wartet, bis die Welt so wird, wie sie sein sollte: Bis sie eine gerechte Welt wird. Innerhalb der unberechenbaren Heftigkeit, die er erlebt hatte und die ihn jederzeit in seinem Gefühl überfallen konnte, nahm er die Haltung ein: Es bringt sowieso nichts, ich kann es nicht verhindern. Aber ich kann zeigen, dass ich brav bin und ein guter Mensch. Vielleicht passen sich alle irgendwann mir an, so wie es richtig wäre – ein zivilisiertes, anständiges Zusammenleben – und bis dahin ziehe ich meine Linie durch. Ich warte, bis die anderen einsehen, wie gut ich es meine und wie man überhaupt besser leben kann. 

Unglücklicherweise wurde für ihn diese Situation real, als sich seine Eltern entschlossen, in den Kosovo zurückzukehren. Er verlor seinen Halt bei den Nachbarn und war der Heftigkeit seines Vaters und dem Streit der Eltern ausgeliefert, verlor auch den Ausweg, über eine gute Schulbildung etwas Abstand zu den Eltern zu erhalten, ohne deshalb in einen Widerspruch zu kommen. So resignierte er ganz, blieb im Kosovo monatelang nur noch in seinem verdunkelten Zimmer. Er entzog sich in seinem Gefühl der Realität, funktionierte zwar nach aussen hin, erfüllte auch alle Anforderungen einer hohen Schulbildung mit Studium, betrachtete sich aber wie von fern. Er heiratete sogar eine Frau nach dem Wunsch der Eltern, war gegenüber allen anderen ganz korrekt, obwohl er wusste, dass er dabei nicht glücklich sein konnte. Er rettete sich mit dem Gedanken daran, dass es nicht sein Leben sei, das er führe, aber doch sein Leben, weil er ja erfüllen konnte, was verlangt war. In der ersten Ehe erlebte er mit seiner heftig streitenden Frau dann wieder die Situation wie mit den Eltern, der er sich dann unter grossen Nöten mit der Trennung und Rückreise nach Österreich entzog.

 

Der Ausweg

Mit viel Ausdauer und dem starken Wunsch, seine Lebensschwierigkeiten zu lösen, erfasste Herr Xherdan seine in der Kindheit entstandenen Überzeugungen immer mehr. Er lernte in vielen Einzel- und Gruppengesprächen nachzuvollziehen, dass seine heutigen Haltungen, seine Denkungsart, sein Verhalten und seine Gefühlsreaktionen ein Produkt seiner kindlichen Gefühlseindrücke und seiner unbewussten Interpretationen ist. Es gelang ihm, so viel Vertrauen zu einem psychologisch geschulten Gesprächspartner zu entwickeln, dass er sich daran machen konnte, seine Lebensmuster anzuschauen und in Frage zu stellen. Er konnte sich darauf einlassen, seine Geschichte zu studieren, auch weil er merkte, dass andere ähnliche Erfahrungen gemacht und ähnliche unbewusste Folgerungen daraus gezogen hatten. Er fühlte sich immer weniger alleine und abgeschottet von anderen. Er konnte sich auch mit anderen besser verbinden, indem er merkte, dass die Erziehungsprinzipien nicht von den Eltern erfunden worden sind, sondern sie diese in deren eigener Kindheit aufgesogen hatten. Er erfasste immer mehr, dass sich in seinen Vorstellungen vom Leben ein Menschen- und Weltbild ausdrückte, das von Ungleichheit geprägt ist, so dass jeder schon von früh an darauf ausgerichtet wird, möglichst alles richtig zu machen, besser zu werden und sich dabei nicht auf andere Menschen abzustützen, sondern ein Ideal erreichen zu müssen. Er konnte erfahren, dass es nicht nötig ist, alles selbst erfüllen zu müssen und dass die Mitmenschen generell darauf aus sind, möglichst in Freundschaft auch mit ihm zu leben, sich dabei aber immer wieder aus Gefühlsirrtümern miteinander verstricken.

Die zunehmende Verbundenheit mit anderen sowie die Erkenntnis der Gefühlszusammenhänge mit seinen Erziehungseindrücken in einer Vertrauensbeziehung mit seinem Psychotherpeuten Diethelm Raff und eine Korrektur im Menschenbild öffnete ihm den Weg, um seine Angst und seine Ohnmachtsgefühle in Frage stellen zu können. Er lernte verstehen, dass heute nur eine Verwechslung vorliegt, wenn er unruhig oder sogar panisch wird, eine Verwechslung mit seinen Erlebnissen in der Kindheit, in der er sich vorgestellt hatte, er könne ständig gewalttätigen Angriffen ausgeliefert sein und müsse sich darauf einstellen. An verschiedensten Beispiel in der Gruppen- und Soziotherapie konnte er nachvollziehen, dass ihm niemand Böses wollte und er heute alle Situationen gut bewältigen kann, indem er sich mit den anderen Menschen abspricht, sich voll einbringt, sich frei überlegt, was er denkt und was er machen möchte.

Er konnte diese Verbindung mit der Kindheit Schritt für Schritt herstellen. 

Als er zu Hause wieder vor dem Fenster stand und spekulierte, wo überall Gefahren und Konflikte lauern könnten, kam ihm auf einmal in den Sinn, dass er ja innerlich sozusagen den Schlägen des Vaters vorbeugen wollte. Er spürte das Angstgefühl, das ihn antrieb, und machte die Verbindung zu seinem Gefühl als Kind, als der Vater ihn drohend und wortlos anschaute. So merkte er: „Eigentlich habe ich ja immer Angst, dass das wieder passieren könnte, dass der Vater auf mich sitzt und mir die Zigarette ins Fleisch brennt. Ich lege da hinein, dass etwas Gefährliches kommen könnte.“

Indem er also verstehen lernte, dass er nur deshalb so vorsichtig und überkorrekt geworden war, weil er sich als Kind um die Affekte und die gewaltsamen Ausbrüche seines Vaters herum sein Leben hatte einrichten müssen, konnte er erkennen, dass er heute nicht mehr in der Situation wie zu Hause lebte, sondern ganz frei war.  

Dazu kam, dass er erkennen musste, dass seine brave Haltung für das Leben heute untauglich ist. Was er gemeint hatte, schütze ihn, was er glaubte, sei lebensnotwendig, schränkt ihn heute nur ein. 

Das heisst: Seine Überzeugung, dass er am besten durchs Leben kommt, indem er alles richtig macht und jede Situation meidet, in der er mit anderen Menschen in einen Konflikt geraten könnte, die wird er aufgeben müssen. Er kommt viel besser durchs Leben und kann erst frei werden, wenn er mit den anderen Menschen umgehen und sie verstehen lernt. 

Darunter auch seine Ex-Frau, die ja nur darum ein Theater veranstaltet, um ihre Ehre zu retten. Wie die meisten Menschen, die sehr brav geworden sind durch ihre Erziehung, hielt auch er an der Vorstellung fest, dass er richtig lebte und die Welt dann eine gute Welt wäre, wenn alle so leben würden, wie er. Er lehnte Menschen ab, die wie seine Ex-Frau der braven, anständigen Lebenshaltung nicht entsprachen. In diesem Sinne war sein Ohnmachtsgefühl auch darin begründet, dass er sich verweigerte, etwas zu unternehmen gegen die Anrufe der Ex-Frau, weil das für ihn bedeutet hätte, sich auf das Niveau von ihr „herunterzulassen“. Von vielen Seiten wollte man ihm nämlich helfen und zeigte ihm, wie er ganz gut mit ihr umgehen könnte, ihr antworten könnte, in einer Sprache die sie verstand, so dass die Belästigungen aufgehört hätten. Seine albanische Familie hätte gerne etwas für ihn unternommen. Er jedoch konnte es lange in seinem Gefühl nicht zulassen, anders auf die leeren Drohungen zu antworten als mit Rückzug. 

Diese Haltung ist untauglich für das menschliche Zusammenleben. Herr Xherdan ist abgeschnitten von den Menschen, solange er wartet, bis der andere bei ihm abspürt, was er denkt. Wenn er wartet, bis die anderen ihn ganz verstehen können und man ohne irgendeinen Gegensatz miteinander auskommen kann.

Diese Wunschvorstellung muss er aufgeben und die Realität ins Auge fassen, dass alle Menschen ja ganz gerne miteinander wollen und dass man mit den Menschen gut reden kann. Dass es gar nicht schlimm ist, wenn man verschiedener Meinung ist oder jemand mal unzufrieden ist. Die Freundschaft kommt dadurch nicht abhanden, es gehört sogar zum Leben. 

Und die Menschen, wie die Ex-Frau, mit denen es sehr schwierig ist gut auszukommen, die kann man ja auch meiden – man ist heute frei wegzulaufen. Es ist nur sein Kindheitsgefühl, dass man jeden kritischen und angriffigen Menschen einerseits ertragen und andererseits noch besänftigen muss. Herr Xherdan war immer sehr ausgerichtet auf Menschen, die unzufrieden sind, sei es am Arbeitsplatz oder sonst wo, und hatte das Gefühl, er müsse diese zufriedenstellen. Er hatte das innerliche Ziel, dass irgendwann alle Schwierigkeiten und Unzufriedenheiten um ihn herum gelöst sein müssten, und dann könnte er in Ruhe leben. 

Er kann aber heute schon gut in Ruhe zu leben anfangen. Kein Mensch ist für ihn heute bedrohlich. Die Menschen haben einfach auch ihre Gefühle. 

Indem er also seine eigenen Gefühle als entstanden und heute unpassend erkennt, und indem er die Menschen grundsätzlich besser kennenlernt, werden ihn die Angstgefühle immer weniger überfallen. Er kann dann besser verstehen, was eine Person vielleicht gerade beschäftigt, die ihn mal anschnauzt oder grusslos an ihm vorbeiläuft. Die Chefin beispielsweise ist wohl meistens selber damit beschäftigt, ihren eigenen Vorgesetzten gegenüber eine gute Leistung zu zeigen und fährt Herr Xherdan nur deshalb mal ungeduldig an. 

So wird Herr Xherdan Schritt für Schritt freier, indem er Einblick bekommt in die psychologischen Zusammenhänge und neue Wege im Empfinden und Handeln einschlagen kann. Er ist dabei, zu lernen und zu begreifen, wie er das Leben selber gestalten kann – hat noch einiges vor sich, ist aber voller Mut. 

 

 

 

Erlebnisse in den ersten Jahren

Bericht einer Teilnehmerin im Tageszentrum Miteinander Füreinander in Meilen, geleitet von Dr. med. Lilly Merz Raff, Psychiaterin und lic. phil. Diethelm Raff, Psychologe FSP

 

Wie starke Eifersucht, Selbstbezogenheit, Vorwurfshaltung, Einsamkeit, Kleinheitsgefühle, Ängste und Depressionen aus den Erlebnissen in den ersten Jahren verständlich werden


Meine Kindheit war nicht einfach. Ich wuchs mit einer egozentrischen Mutter auf und einem Vater, der mich sehr stark auf Abstand hielt. Er entzog sich der kritisierenden Mutter, indem er sich am Abend und am Wochenende in der Politik betätigte. Es war deshalb ständig Streit zu Hause. Ich habe auch noch einen drei Jahre jüngeren Schwester, die alles schneller und besser konnte, wie mir von meinen Eltern immer wieder vor Augen gehalten wurde. Ich fühlte mich so stark von der ganzen Familie abgelehnt und kritisiert, dass ich innerlich ganz starr wurde und mich fremd unter den Menschen fühlte, denen ich meiner Meinung nach sowieso egal war. Sobald sich jemand mit mir befasste, hatte ich viele Vorwürfe gegen die ganzen Welt parat. Es kam so weit, dass ich täglich mitten in der Nacht den Wecker stellte, um  einige Stunden ohne einen kritisierenden Menschen für mich alleine etwas machen konnte. Das waren dann die schönsten Stunden für mich. Ich war sehr weit weg von den Menschen und wollte doch wie jeder einen Bedeutung haben. Der Wunsch kann sich dann in einem ganz schiefen Gefühl verirren. Ich spürte einen Triumph, dass ich die anderen an der Nase herumführen konnte und ich sie nicht brauchte. Das blieb mir als einziges, weil ich nicht wusste, wie mit anderen Menschen richtige Freundschaften aufbauen konnte.

 

Als ich älter wurde, hatte ich immer grössere Probleme, mich im Leben zurechtzufinden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es Menschen gab, die mich mögen. Mir war es auch nicht möglich, Menschen zu vertrauen. So entfernt fühlte ich mich. So blieb ich immer für mich und zeigte den anderen, dass sie mir nicht zu nahe kommen sollen. Ich hielt es aber oft gar nicht aus zu sehen, wie sich andere gut verstehen und wurde ganz aufgeregt. Ab und zu machte ich mich deshalb über andere lustig - das war meine Verbindung zu anderen. Ich wusste nicht, dass ich  auch gute Freunde haben könnte und auch etwas im Leben erreichen konnte. Um diese Eifersucht nicht mehr zu spüren, entzog ich mich im Gefühl von der Welt. Ich war ganz verhärtet und war allen gegenüber ablehnend. Zutrauen in mich selber und in meine Fähigkeiten waren fast gar nicht vorhanden. Ich fühlte mich ständig hilflos. Mit Hilflos-Sein konnte ich verhindern, dass man etwas von mir wollte, was ich sowieso nicht gut machen konnte. Und gleichzeitig erhielt ich sehr oft Zuwendung, wenn ich so hilflos war. Das konnte ich aber gar nicht schätzen. Im Gegenteil. Mir fiel nichts ein, ich hatte keine anderen Gedanken, was man miteinander reden konnte. Ausser einer Sache: Ich beklagte mich ständig über alle anderen und über die Welt und war sofort dabei, wenn jemand über andere schimpfte oder sie blöd fand. Ich konnte damit nicht aufhören. 

 

Ich glaube, sich beklagen, wie schwer alles ist, war wie eine Stärke und ich war deshalb sehr ausdauernd. Wenn ich mich so beklagte, dann mussten mich andere bedauern und viele versuchten mir dann das Leben zu erleichtern, das ich mir nicht zutraute. So hatte ich unbewusst einen Weg gefunden, mit meinem Minderwertigkeitsgefühl oberflächlich zurechtzukommen. Es bemühten sich viele Leute immer um mich, aber ich verstand es früher selbst nicht, warum sie keine Chance hatten, in mir Vertrauen zu wecken. Mit meinen ständigen Vorwürfen, meiner hartnäckigen Hilflosigkeit war ich für andere oft sehr unangenehm. Heute weiss ich, dass ich hilflos blieben musste in meiner eigenen Gefühlslogik. So halfen mir andere, meine Schwächen nicht zu merken, aber hatten keine Chance, in mir freundschaftliche Gefühle zu wecken. Ich war so sehr mit mir und meinem Elend beschäftigt, dass ich gar nie auf die Idee kam, anderen etwas zuliebe zu tun. So stark wirkte meine Gefühl, zu kurz zu kommen. Ich blieb innerlich alleine mit meinen Vorwürfen. Ich musste alleine bleiben, um mit Vorwürfen andere unbewusst dazu zu bringen, sich mit mir zu befassen. Heute ist mir das peinlich, wenn ich daran denke, wie ich andere behandelt habe. Sie bemühten sich oft so sehr, aber sie hatten bei mir keine Chance. Ich fühlte mich tatsächlich von allen verlassen und vergass sofort alle netten Leute. Ich war ständig ganz empört, was ich alles nicht bekommen hatte und andere haben. Aber ich wusste damals nicht, was mich da angetrieben hatte. Ich habe im Tageszentrum Meilen gehört, dass man alle diese untauglichen Gefühlszwänge einen Minderwertigkeitskomplex nennt.

 

Mein Zutrauen in mich veränderte sich damit nicht. Im Gegenteil verstärkte ich das Minderwertigkeitsgefühl und es konnte in dieser Gefühlslogik immer nur stärker werden. Ich war schlecht auf das Leben vorbereitet und konnte so auch schlecht lernen. Ich besuchte nur die unterste Stufe in der Schule und war die Dümmste von allen. Das war so unangenehm, weil ich eigentlich sehr gut sein wollte. Ich wusste aber gar nicht, wie ich das anstellen konnte. Ich strengte mich oft sehr an, aber es ging einfach nicht. Weil niemand meine Schwierigkeiten im Leben psychologisch verstand, sprach man in der Schule von Konzentrationsschwierigkeiten und  einem Aufmerksamkeitsdefizit. So war klar, dass ich dumm bleibe. Die Lehrer hatten es herausgefunden und ich zog mich innerlich noch weiter zurück. Es war klar: Mir konnte niemand helfen. Aber es ärgerte mich sehr und ich wollte es einmal allen irgendwie beweisen. Aber gleichzeitig war klar: Helfen kann mir niemand. Ich muss mich mit diesen Fehlern und meinem Alleinsein abfinden. Aber das konnte ich mir auch nicht vorstellen und so hoffte ich irgendwie, dass es nach der Schule besser wird. 

 

Mit 16 Jahren begann ich eine Ausbildung zur Coiffeuse, die ich nach einem halben Jahr wieder abbrach. Ich fühlte mich immer abgelehnt und falsch behandelt und verweigerte mich deshalb auch oft, sagte aber keinen Ton, war oft hässig. Ich legte in alle hinein, sie benachteiligen mich wie mich meine Eltern gegenüber der Schwester benachteiligt haben. Ich absolvierte danach die einfachste Ausbildung zur Verkäuferin und arbeitete in diesem Beruf. Aber auch nicht sehr erfolgreich, denn ich glaubte ständig, man kritisiere mich. Ich zog mich zurück und konnte sehr wenig behalten. Ich hatte wie ein Brett vor dem Kopf. Tatsächlich machte ich in dieser Stimmung auch sehr viele Fehler und machte fast keinen Fortschritt. Heute weiss ich, die anderen konnten nicht wissen, warum bei mir scheinbar gar nichts half. Oft wurde ich sogar schlechter, wenn man mir mehr erklärte. Wenn ich hilflos war, hoffte ich unbewusst auf mehr Bedeutung. So erlebte ich auch sehr viel Ungeduld, was mich bestätigte, dass andere gegen mich sind.

 

Ohne es zu verstehen, was sich in meinem Inneren abspielt, dehnte ich meinen Zwang auf andere aus. Ich wollte nicht mehr leben. Schon als Kind hatte ich oft das Gefühl, dass die Welt doch eigentlich besser ohne mich dran sei. Eigentlich immer, weil ich mich gegenüber meiner Schwester benachteiligt fühlte. Heute weiss ich, dass das gar nicht der Fall war. Weil ich so schwierig war, befasste man sich viel mehr mit mir. Sie fühlte sich sogar auch immer benachteiligt. Sie musste immer zurückstehen, weil ich zu Hause ständig zurückgezogen, vorwurfsvoll und teilweise „steihässig“ war. Ich sah das früher ganz anders. Meine Meinung über die Welt und mich war so stark. Ich fühlte mich immer abgewiesen und wollte erzwingen, dass man mich in den Mittelpunkt stellt. Ich empfand es aber immer so: Man soll sich wenigstens einmal mit mir befassen. Und ich glaubte, das war nie der Fall und warf das der Welt vor. Das nannte man dann bei mir eine Depression, die schon lange anhielt. 

 

Nach einem Selbstmordversuch haben mich Freunde gedrängt, mich in Behandlung zu begeben. Was ich dann auch tat. Es begann ein schwieriger Weg für mich, der Jahre dauerte. Zuerst musste ich Vertrauen zur Psychiaterin Dr. Lilly Merz Raff fassen. Das war nicht ganz einfach, da ich doch allen Menschen misstraute. Doch es gelang ihr zuerst nur ein wenig. Und sie zeigte mir auch meine Vorwurfshaltung auf. Es war genau umgekehrt, wie ich es glaubte. Die Vorwurfshaltung hinderte mich daran, mich mit anderen Menschen zusammenzutun. Ich konnte also selbst viel mehr unternehmen. Es musste mein Bild von den Menschen und von mir ändern. Das war ein Ausweg. Das wurde mir immer klarer. So kam ich aus den gröbsten Depressionen heraus war. Es war erstaunlich. Es lag nicht an den Depressionen, wenn ich mit anderen nicht zurechtkam. Meine Ablehnung der anderen machten meine depressiven Gefühle, weil ich so keinen Ausweg hatte.  Jetzt fing die fing die Arbeit an meinem Lebensstil erst richtig an. Ich musste irgendwie mit meinem ganzen Minderwertigkeitskomplex fertig werden. Und das ist ja eine ganze Gefühlsverstrickung. Doch wie? Ich musste lernen, auf meine Hilflosigkeit zu verzichten und meine ständigen Vorwürfe an andere. Sobald ich das machte, was hatte ich dann noch vom Leben. Ich hatte alles darauf aufgebaut. Das ganze Leben besteht aus Lernen und das wollte ich mit allen Mitteln verhindern, denn dann zeigte sich, dass ich schlechter als meine Schwester sein würde: das hatte ich nicht ausgehalten. Meine Gesprächspartnerin schlug mir nach einiger Zeit deshalb unter anderem vor, wieder eine Arbeit zu beginnen und einen Deutschkurs zu machen, der von einfühlsamen Lehrern im Tageszentrum Miteinander Füreinander angeboten wurde. Ich hatte Mühe zu verstehen, weshalb über meine Kleinheitsgefühle reden nicht reichte. Das hätte mir besser gefallen, alle Ungerechtigkeiten in meinem Leben jemandem zu erzählen. Ich wäre lieber in eine geschützte Umgebung gekommen, in der man von mir nichts verlangte. Ich fühlte mich längere Zeit nicht verstanden und war voller Vorwürfe gegen meine Gesprächspartnerin und hatte mich schon bei einer anderen Psychiaterin angemeldet. Vielleicht hätte sie mich besser geschützt und meiner Vorwurfshaltung gegenüber den Menschen recht gegeben. Ich ahnte aber doch durch die vielen Gespräche bei ihr:  Es wird mir besser gehen, wenn ich das Leben anpacke. Sie behauptet immer, dass ich das entwickeln kann. Meiner Meinung nach war ich eigentlich zu blöd zum Lernen bei einer Arbeit oder in einem Kurs. Es keimte aber eine kleine Hoffnung dank ihrer Überzeugungskraft, dass ich wie andere auch ein Leben machen könnte. Ich nahm dann das Angebot doch an, im Tageszentrum Miteinander Füreinander mit einem Lehrer, Diethelm Raff, ohne Bezahlung zu lernen. Aber da ich mich immer unfähig fühlte, wich ich immer wieder aus, erledigte kaum die Hausaufgaben, die er mir aufgab. Die Antworten, die Diethelm Raff bekam, waren sehr oft: „Ich weiss nicht, keine Ahnung.“ Er gab allerdings nie auf und sprach mich immer wieder auf diese Ausweichmanöver an. Ich lernte zu verstehen, was meine Gefühle dem Lernen gegenüber verursacht hatte und wie sie entstanden waren. Mit seiner Hilfe und später noch mit anderen aus dem Tageszentrum in Meilen erfuhr ich immer mehr, dass meine Ängste unbegründet waren. Dr. Lilly Merz  und Diethelm Raff machten mir immer mehr Mut zum Lernen. Sie machten mich immer wieder darauf aufmerksam, wenn ich etwas gut gemacht hatte. Dadurch wurde mir klar, es war mir möglich zu lernen und gute Noten zu erhalten. Vorher war ich überzeugt, wenn ich anfangen würde zu lernen, bewiese ich nur, dass ich nie erfolgreich lernen konnte. Nun wurde mir klar, weshalb ich es ausprobieren musste. Nur mit dem Reden hätte ich niemals diese Erfahrung gemacht und wäre in Selbstmitleid über das schwere Leben steckengeblieben.

Gleichzeitig musste ich zuerst im Tageszentrum Miteinander Füreinander lernen, wie ich mich am Besten im Berufsleben zurechtfinden konnte im geschäftlichen und im zwischenmenschlichen Bereich, aber auch in Freundschaften. Ich hatte vor vielem Angst und wich jeder Verantwortung aus. Wenn es galt, eine Aufgabe zu übernehmen, der ich mich nicht gewachsen fühlte, stellte ich mich so lange als hilflos dar, dass die anderen Menschen keine andere Chance sahen, als diese Aufgabe für mich zu übernehmen. Im zwischenmenschlichen Bereich erlebte ich auch alles sehr stark auf dem Boden meiner Kindheit. Meine Gesprächspartnerin half mir zu verstehen, was in mir vorging, woher meine Ängste und Eifersucht kamen und wie ich mit schwierigen Situationen fertig werden könnte.

Ich hatte nicht sehr viel zur Verfügung in diesem Bereich. Bei Problemen hatte ich zu Hause kaum ein offenes Ohr gefunden. Ich hatte auch kaum erlebt, dass man lernen konnte mit anderen auszukommen. Ich habe mich sehr stark ausgeliefert gefühlt gegenüber anderen Menschen. Ich hatte geglaubt, dass ich von der Freundlichkeit der anderen Menschen abhängig war und andere
Menschen sich nur mit mir beschäftigen würden, wenn es mir nicht gut ginge. In verschiedenen schwierigen Situationen lernte ich meine Reaktionen zu verstehen und anders zu reagieren. Dr. Lilly Merz Raff führte mich im Gespräch auch immer wieder an andere Menschen heran und half mir deren Reaktionen besser zu verstehen. Sie gab mir auch Ratschläge wie ich in diesen Situationen reagieren könnte, so dass sich die Situation entschärfte. Deshalb konnte ich auch auf eine andere Art und Weise reagieren. Ich lernte anderen Menschen zu vertrauen und mich auf andere Menschen und auf meine Freunde abzustützen. Meine Gefühle änderten sich natürlich nicht so schnell. Oft musste ich mich zwingen, etwas auszuprobieren. Dieser ganze Prozess beinhaltete selbstverständlich auch die Entscheidung, dass ich meine Gefühle und mein Leben ändern möchte. Dies war keine einmalige Sache, die hatte ich immer wieder zu treffen, wenn ich
wieder in meine alten Verhaltensweisen zurückfiel - auch heute immer wieder.

 

Nach einigen Wochen im Tageszentrum Miteinander Füreinander wurde ich mutiger und war gefestigter und erlebte nicht mehr alles gegen mich. So nahm ich wieder eine Stelle als Verkäuferin an. Dort erlebte ich immer wieder dasselbe: Hilflosigkeit, wenn mir etwas schwierig erschien; innerliche Vorwürfe, wenn mich jemand nicht entlastete; Gekränktsein, wenn jemand eine kleine oder grössere Kritik äusserte; Ablehnung von anderen, die mich nicht besonderes beachten; ständiger Vergleich mit anderen, die besser waren als ich und sie dann bei anderen abwerten. Alles konnte ich mit Frau Dr. Merz Raff und Diethelm Raff und anderen im Tageszentrum Meilen besprechen und nach und nach überwinden.

Wie gesagt meine Gefühle entsprachen anfangs nicht dem, wie ich reagieren sollte oder versuchte zu reagieren. Es war gar nicht einfach, sich auf etwas Neues einzulassen, beim Alten fühlte ich mich sicherer und ich war es ja so gewohnt von Kindheit her so zu reagieren. Von Anfang an garantierten mir mein Gesprächspartner, dass ich besser im Leben zurecht käme, wenn ich es so mache, doch ich habe es ihnen kaum abgenommen. Ich musste den Mut finden, dies auszuprobieren. Mit der Zeit fand ich heraus, dass es so besser lief mit Freunden und auch im Geschäft. Ich fühlte mich nicht mehr so hilflos und merkte, dass ich mehr in meinen Händen hatte, als ich eigentlich geglaubt hatte. Ich fasste langsam Vertrauen in mich selber und auch in die anderen Menschen. Das Leben fing an mehr Spass zu machen.

Heute bin ich sehr viel mutiger geworden. Ich habe herausgefunden, dass es möglich ist mit anderen Menschen auszukommen. Ich merkte auch, dass ich fähig bin, viel mehr zu machen, als ich angenommen hatte. Im beruflichen Bereich habe ich die Ausbildung zu Detailhandelsangestellten absolviert und fand eine Stelle auf dem Büro. Einige Jahre später fand ich eine andere Stelle im Büro, die mich noch mehr herausforderte und bestand die Ausbildung
zur kaufmännischen Angestellten. Ich weiche Aufgaben, die neu und ungewohnt sind, nicht mehr aus. Jetzt übernehme ich sogar gerne Verantwortung und es macht Spass, wieder etwas Neues auszuprobieren. Im zwischenmenschlichen Bereich fand ich mehr Freunde und kann ihnen gleichwertiger begegnen, auch wenn es mir immer noch schwerfällt, für andere etwas einzusetzen und Freude daran zu haben, wenn sie sich freuen. Selbstverständlich ist dieser Weg nicht beendet und ich verirre mich manchmal wieder in meine alten Gefühle, doch es ist viel einfacher wieder mich aus diesen Gefühlen herauszuarbeiten, da diese Empfindungen nicht mehr so stark auftreten. Ich bin froh, dass ich nicht einen Weg in die Schwäche gewählt habe und mich in einer geschützten Umgebung und mit unbewusst erzwungener Sozialhilfe darin erhalten hätte.

Ich hatte und habe grossartige Hilfe: Menschen die mich nicht ausliessen, auch wenn ich fliehen wollte, Menschen, die mir halfen einen anderen Weg zu gehen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich hoffe, dass viele Menschen solche Hilfe im Tageszentrum Miteinander Füreinander oder einer ähnlichen Institution finden werden.

 

Beispiel einer sehr autoritären Erziehung

Beispiel einer sehr autoritären Erziehung 

 

Von F. P., Tageszentrum Miteinander Füreinander Meilen

 

Frau C. ging mit dem Gefühl durchs Leben, nichts wert zu sein, für alles kämpfen zu müssen, nicht gehört und schon gar nicht respektiert zu werden. Von klein auf wurde ihr gesagt: Du bist nichts und du kannst nichts – und jetzt geh gefälligst an die Arbeit!  

Dieses Beispiel soll veranschaulichen, wie sich in einem Kind das Gefühl der Wertlosigkeit, der Hilflosigkeit, des Allein- und Ausgeliefertseins entwickeln kann und welche Folgen das kindliche Erleben für die Gefühlslage des Erwachsenen hat. Die geschilderten Situationen sind dabei als punktuelle Einblicke in eine Stimmung zu verstehen, in der ein Kind aufwächst. Sie geben uns die Möglichkeit, uns ein Bild davon zu machen, wie ein Kind die Welt kennengelernt hat und welche Schlüsse es für sich daraus gezogen hat. 

Kindheit und Gefühlsgrundlage 

Frau C. kam anfangs der 1950er Jahre in einer ländlichen Gegend Spaniens zur Welt. Sie war das fünfte von sechs Kindern. Die Eltern bewirtschafteten die Felder eines Grossgrundbesitzers und lebten äusserst bescheiden. Die Armut der ganzen Familie war gross. 

Als Frau C. zweieinhalb Jahre alt war, musste die Familie der Arbeit wegen in eine andere Provinz ziehen. Die eine Grossmutter von Frau C. lebte, zusammen mit dem Grossvater, zwei Tanten und einem Onkel von Frau C. unweit des alten Wohnortes. Diese Grossmutter hatte Freude an dem kleinen Mädchen gefunden, und so bat sie die Eltern von Frau C., sie möchten ihr das Kind doch da lassen, wenn sie weg zögen. Die Eltern – wohl froh, einen Mund weniger füttern zu müssen – willigten ein. 

So kam es, dass Frau C. als zweieinhalbjähriges Mädchen von einer dieser Tanten bei der Hand genommen wurde mit den Worten: "Nun sag deinen Eltern Lebewohl, du wirst sie fortan nicht mehr sehen." Frau C. verstand zwar nicht, was da geschah, aber fügte sich brav ihrem Schicksal. 

Die Grosseltern führten ein nicht minder hartes, bäuerliches Leben als die Eltern. Sie hielten Hühner, Schweine und Schafe, bewirtschafteten Ackerland und einen Olivenhain. Das Mädchen wurde ab sofort als Arbeitskraft eingesetzt, wo es nur ging. Die neuen Verhältnisse waren noch ärmlicher als die alten. Das Haus der Grosseltern war aus Ziegeln und Lehm gebaut, der Boden war voller Löcher, in denen Mäuse hausten. Fliessendes Wasser gab es nur am Brunnen vor dem Haus und als Herd in der Küche diente eine offene Feuerstelle. 

Die Grosseltern schliefen nachts in der Stube, von den zwei weiteren Räumen wurde einer vom Onkel, der andere von den beiden Tanten und ab nun auch von der kleinen Frau C. bewohnt. 

Die Grossmutter, deren Wunsch es gewesen war, das Mädchen zu sich zu holen, war eine im Grunde gutmütige Frau, die aber vom harten Leben gezeichnet und ihrerseits verhärmt war. Vor allem aber die Jahre mit ihrem Ehemann, dem Grossvater von Frau C., schienen sie abgestumpft zu haben und eine früher noch vorhandene Feinfühligkeit und Lebensfreude mochte unter der Last ihres Alltags begraben worden sein. 

Der Grossvater musste über die Familie hinaus für seine hartherzige, grobe und gewalttätige Art bekannt gewesen sein. Frau C. hörte verschiedene Leute zu ihr sagen: "Deine Grossmutter wird einmal in den Himmel kommen, dein Grossvater aber in die Hölle." 

Einige Zeit war vergangen, seitdem Frau C. zu ihren Grosseltern kam, da sassen sie abends alle in der Küche um die Feuerstelle herum. Der Grossvater stocherte mit der Eisenzange im Feuer herum und bemerkte knapp, dass Frau C. nun für immer bei ihnen bleiben würde. Ohne einen Kommentar abzuwarten fragte er, ob sie heute im Dorf etwas geschenkt bekommen hätte. 

Wenn das Mädchen ins Dorf geschickt wurde, so kam es vor, dass ihm der eine oder andere Dorfbewohner ein Stück Käse auf den Heimweg mitgeben wollte, einen Schluck Milch anbot oder selten einmal sogar ein Stück Kuchen schenkte. Trotz harter körperlicher Arbeit waren ein paar Oliven und ein Stück Maisbrot oft die einzige Nahrung, die das Kind tagsüber bekam, dazu abends mal eine Kartoffel. Zu trinken gab es ausschliesslich Wasser vom Brunnen. Nebst der Armut wird vor allem der Geiz des Grossvaters dafür verantwortlich gewesen sein, dass nicht ab und zu etwas Fleisch oder ein paar Eier mehr für die anderen Familienmitglieder zurückbehalten statt verkauft worden waren. 

Frau C., stets ehrlich, antwortete wahrheitsgetreu auf die Frage des Grossvaters, dass sie ein Stück Käse geschenkt bekommen hätte. Sofort entbrannte der Grossvater in heftigem Zorn und schrie sie an, während er drohend mit der glühend heissen Eisenzange vor ihrem Gesicht herum fuchtelte, ob sie etwa zu wenig zu essen bekäme bei ihm und ob sie ihn beleidigen wolle, dass sie fremder Leute Ware annähme. Frau C., knapp drei Jahre alt, war von blanker Panik ergriffen und suchte Schutz bei ihrer Grossmutter, indem sie sich hinter deren Rücken versteckte. In jener Nacht nässte das Mädchen das Bett, und von da an in jeder folgenden. Jeden Morgen kontrollierte der Grossvater, ob das Kind wieder ins Bett gemacht hatte, und jeden Morgen bekam es als Erstes Schläge dafür. Dauernde Angst begleitete Frau C., und wenn sie nachts erwachte und merkte, dass ihre Decke nass war, versuchte sie sie verzweifelt mit der kleinen Hand trocken zu reiben und den Fleck zu beseitigen, bevor ihr Unglück entdeckt würde. 

Fürchterliches Heimweh nach ihren Eltern und Geschwistern plagten das Mädchen, doch für Klagen war wenig Platz am neuen Ort. Einzig die eine Tante versuchte es ein wenig zu trösten, indem sie der kleinen Frau C. sagte: "Denk nicht mehr an deine Eltern, die sind fort und wollen dich nicht mehr haben, deshalb bist du nun bei uns."  

Frau C.s Tage bestanden in harter Arbeit auf dem Feld, im nahen Wald oder wo auch immer sie gerade gebraucht wurde. Kinder hatte es keine in der näheren Umgebung, und selbst wenn welche vorbei kamen, durfte Frau C. doch nicht mit ihnen spielen. 

Auch mit Erwachsenen durfte sie sich nicht unterhalten. Nie durfte sie irgendwo stehen bleiben, zuhören, einfach nur sein. Sogleich wurde sie vom Grossvater angefahren, ob sie nichts zu tun hätte, oder – wenn dieser sie nur aus der Ferne beobachten konnte – abends für ihren Ungehorsam verprügelt. 

Die despotische Stimmung des Grossvaters reichte so weit, dass sich selbst die Grossmutter aus Angst vor ihrem gewalttätigen Ehemann nicht traute, bei der gemeinsamen Arbeit auf dem Feld mit ihrer Enkelin zu plaudern. Heiterkeit und Herzlichkeit hatten keinen Platz neben diesem Mann. 

Ausser den üblichen Kontakten zu den Bewohnern des nächsten Dorfes wurden keine ausserfamiliären Beziehungen unterhalten. Gesprochen wurde wenig, gelacht noch weniger, und an Zärtlichkeiten kann sich Frau C. an keine einzige erinnern. Die grösste Nähe empfand sie ein paar Jahre später, als sie für die Schule gelaust werden musste und dazu ihren Kopf in den Schoss der Grossmutter legen durfte, die ihr dann die Läuse aus den Haaren zog. 

Nicht die eigentliche Armut war das Zermürbende, sondern die Gefühlsarmut, die karge, freud- und lieblose Stimmung, in der Frau C. heranwachsen musste, die zudem von ständiger Angst geprägt war. Der Terror des Grossvaters beherrschte und verdarb das Zusammenleben aller. Ständig und überall drohten dem Mädchen Schläge und Prügel; nirgends konnte es sich sicher und aufgehoben fühlen. Mit keinem Wort und keiner Geste erfuhr Frau C., dass sie geschätzt wurde, dass sie liebenswert sein könnte, dass man sich an ihr und ihrer Gesellschaft erfreute – alles notwendige Voraussetzungen dafür, dass ein Kind einen Selbstwert entwickeln kann. Ihre Eltern – so liess man sie glauben – hatten sie nicht mehr gewollt, und ihre näheren Verwandten brachten ihr in keiner Weise die vom Kind benötigte Zuwendung entgegen. Das Gefühl des Nicht-Geliebt-Seins bis hin zur absoluten Wertlosigkeit setzte sich mit jedem Tag mehr in Frau C. fest. 

Das Einzige, wozu das Kind gut sein sollte, war die Arbeit. Doch auch diese bot ihm nur einen scheinbaren Schutz vor der Unberechenbarkeit des Grossvaters. Auch grundlos konnte sich sein Zorn an dem Mädchen entladen. Frau C. erinnert sich an einen Morgen, an dem sie zum Grossvater in den Wald geschickt wurde. Als sie dort den Grossvater antraf, grüsste sie ihn, wie es verlangt war, respektvoll mit einem "Guten Morgen, Grossvater". Der Grossvater aber entgegnete den Gruss völlig unvermittelt mit einem so heftigen Fusstritt in den Bauch des Mädchens, dass dieses heftig nach Luft ringen musste. 

Bereits im Alter von drei Jahren war das Gefühlsleben des Mädchens beherrscht vom völligen Ausgeliefertsein. Die Hilflosigkeit des Kindes verband sich mit der Erfahrung, dass jeder mit ihm machen kann und machen darf, was er will. Das Mädchen empfand ständige Bedrohung und lebte in permanenter Anspannung und Angst.

Nicht nur fürchtete es den gewalttätigen Grossvater, es hatte ihm auch regelmässig seinen Respekt zu bezeugen, indem es dieselbe Hand küssen musste, von der es eben noch geschlagen wurde. Zurück blieb das Gefühl absoluter Wertlosigkeit. Diese Gefühlslage führte das Mädchen langsam aber sicher in eine innere Isolation. 

Dass auch die im Grunde zugewandte Grossmutter oder Tante dem Kind keinen Schutz bieten konnten vor den Gewaltakten des Grossvaters lässt sich leicht mit deren eigener Angst vor diesem jähzornigen Menschen erklären, der seinen Einfluss selbst dann ausübte, wenn er nicht physisch zugegen war. 

Das folgende Beispiel mag diesen Punkt verdeutlichen: 

Der Grossvater musste einst aus gesundheitlichen Gründen ins Krankenhaus gebracht werden und blieb einige Zeit weg. Während dieser Zeit geschah es, dass ein Huhn in eine mit Regenwasser gefüllte Tonne stürzte und ertrank. Die Grossmutter, die üblicherweise fast gar kein Fleisch auf den Tisch bringen durfte, bereitete das Huhn für die Familie zu und es kam zu einem unverhofften "Festessen". Als der Grossvater von seinem Krankenhausaufenthalt zurück kam wollte er hören, was sich in seiner Abwesenheit alles ereignet hatte. Alle berichteten, doch niemand erwähnte auch nur ansatzweise die Begebenheit mit dem Huhn. Da wollte die noch immer um die Wahrheit bedachte Frau C. das Ihrige beitragen. Als sie arglos erzählte, die Familie hätte gebratenes Hähnchen gegessen, donnerte der Grossvater los. Doch nicht nur dieser, auch ihr Onkel schlug sie ins Gesicht für ihre "Dummheit" und ihre Tanten rissen sie an den Haaren und schimpften sie aus, so etwas zu erzählen. 

Ein Versuch mir vorzustellen, was das für das Kind bedeutet: 

Im Kind bleibt die Erfahrung zurück, selbst von denen geschlagen und verstossen worden zu sein, die vor Kurzem noch zu ihm gehalten haben. Es weiss fortan, dass man sich vor jedem Menschen in Acht nehmen muss, dass man keinem uneingeschränkt vertrauen darf und dass man sich keine Solidarität erhoffen kann. Auf keinen Fall kann das Kind die Möglichkeit entwickeln, für sich selber einzustehen oder sich zur Wehr zu setzen, denn keiner macht es ihm vor und vermittelt ihm das Gefühl, es wert zu sein, sich an seine Seite zu stellen. 

Längst nahm Frau C. trotz offenkundiger Mangelernährung keine Geschenke mehr von gutmütigen Dorfbewohnern an, selbst wenn diese ihr sagten, der Grossvater bräuchte es ja nicht zu wissen. Zu gross war die Angst, er könnte es trotzdem erfahren und damit schon zu gross das Misstrauen in die Mitmenschen, sie könnten es ihm trotzdem hinterbringen. 

Die allgegenwärtige Bedrohung, die permanente Angst und das Misstrauen zwingen das Kind, um sich zu schützen, auf Distanz zu den Menschen zu gehen. Diese Distanz aber führt es zusehends in eine emotionale Isolation. 

Nebst dem Gefühl der Wertlosigkeit und des hilflos Ausgeliefertseins machte sich also im Innern von Frau C. grosse Einsamkeit breit. Diese Einsamkeit äusserte sich in einer tiefen Traurigkeit, die sie über die Jugendjahre hinaus bis ins Erwachsenenleben begleitete und immer wieder in Depressionen mündete. 

Auf dieser Gefühlsgrundlage musste Frau C. ihr Leben aufbauen. 

Als mit etwa fünfzig Jahren einige schwerwiegende Ereignisse ihr Leben erschütterten, stellten diese alten Gefühle den unsicheren Boden dar, auf dem sie sich bewegte. All die unzähligen Erfahrungen ihrer Kindheit haben sie gelehrt, wertlos zu sein, weder geliebt noch geschätzt noch in ihren Gefühlen respektiert zu werden; sich vom Mitmenschen nichts Gutes und schon gar keine Unterstützung zu erhoffen. Diese im Gefühl verankerten Erfahrungen bildeten den Hintergrund dafür, dass Frau C. sich den Ereignissen hilflos ausgeliefert sah und sich keine Hoffnung auf Unterstützung oder Hilfe erdenken konnte. Als sie von einer besonders heftigen Verzweiflung ergriffen wurde, versuchte sie schliesslich, sich das Leben zu nehmen. 

Ich wollte das Beispiel, das wir in einer Gruppentherapie im Tageszentrum Miteinander Füreinander, Leitung Dr. med. Lilly Merz Raff und lic. phil. Diethelm Raff hörten, gerne als ein beeindruckendes Beispiel nehmen für eine ganz schrecklich autoritäre, für das Gefühl des Kindes vernichtende Erziehung und dass dieser junge Mensch damals trotzdem den Mut gehabt hat, sein Leben durch alle Höhen und Tiefen zu meistern. Das hat sie nämlich sehr gut gemacht und hat sich in der Schweiz eine gute Existenz aufgebaut. Nach dem psychologischen Aufarbeiten ihrer gesamten Kindheitssituation konnte sie auch verstehen, weshalb es zu diesem Suizidversuch gekommen ist und konnte sich ganz von solchen Gefühlen distanzieren. Sie lebt inzwischen ein glückliches Leben.

Meilen, Tageszentrum Miteinander Füreinander Meilen, Bildungszentrum Psychologie und Erziehung

 

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