Tageszentrum Miteinander Füreinander Meilen

Begegnungs- und Bildungszentrum

Florian wird mutiger

Florian wird mutiger 

 

Ein Schüler aus der 5. Klasse, Florian, kommt mit seinen Eltern ins Tageszentrum Meilen, da die Schule signalisiert hat, dass sein auffälliges Verhalten in der Klassengemeinschaft nicht mehr lange tragbar sei. Auch würden seine Noten immer schlechter werden, obwohl die Lehrerinnen den Eindruck haben, dass er zu mehr fähig wäre.

Sein Verhalten wird von den Lehrerinnen als kleinkindlich bezeichnet. Bei Aufforderungen, mit einer Arbeit zu beginnen, würde Florian nie sofort beginnen, sondern erst nach rechts und links schauen und die anderen Kinder ablenken. Häufig würden  auch seine Hausaufgaben fehlen, die Hefte seien unordentlich geführt und die Arbeitsblätter würden zerknittert in seinem Thek herumliegen.

Die Eltern berichten, dass auch zu Hause das Lernen mit viel Unruhe begleitet sei. Florian müsse mehrmals aufgefordert werden, bis er beginne. Häufig werde es dann spät und er komme in grosse Not, da er ohne Hausaufgaben auch nicht in die Schule wolle. 

Florian berichtet, dass die grösste Belastung für ihn die Hausaufgaben seien. Es sei ein grosser Stress, es mache ihm Bauchweh und er getraue sich häufig gar nicht mehr in die Schule. Manchmal würde ihm schlussendlich seine Mutter helfen und die Rechenaufgaben für ihn machen oder eine Entschuldigung schreiben, dass er krank sei. 

Als erstes findet ein Gespräch mit den Eltern ohne Florian statt, um eine Vorstellung zu bekommen, wie die Eltern zu Hause mit ihm das Lernen und das Zusammenleben allgemein gestalten. Dabei zeigt sich, dass der Vater sich selbst das Lernen nie zugetraut hat und die Schule aus seiner eigenen Entmutigung heraus immer als mühsam und einengend empfunden hat. Er hat selbst daraus einen hohen Anspruch an Perfektion entwickelt, weil er meinte, sein ganzes Leben beweisen zu müssen, dass er nicht so dumm sei, wie man ihn während der Schulzeit beurteilt hat. Er hat ganz klare Vorstellungen entwickelt, wie etwas funktionieren muss, wie es richtig ist und  die Messlatte ist sehr hoch gesteckt. Mit Strenge reagiert er bei Fehlern von anderen und auch bei eigenen Fehlern. Er hat keine Idee, dass Lernen schrittweise und in Ruhe geschieht, dass Fehler machen zum Lernen dazu gehört, und dass jeder Mensch lernen kann. Er denkt selbst, er habe in der Schule versagt und die Schule ist „halt nicht für Jedermann“. Sie drücke die Menschen nur in eine Konformität, gegen die man sich wehren müsse. So wird er bei Florian schnell ungeduldig. Zum Beispiel beim gemeinsamen Kochen wird alles kritisch begleitet, es muss alles genau so sein, wie der Vater es richtig findet und Fehler werden nicht als Teil des Lernens beurteilt sondern als fehlendes Engagement und Können. 

Die Mutter jedoch möchte Florian nicht zu viel zumuten, sie stellt sich immer beschützend hinter ihn und meint, mit viel liebevoller Zuwendung könne sie die Strenge des Vaters abmildern. Sie ist sehr engagiert, kümmert sich um alles im Haushalt und übernimmt, ohne es zu merken, viel von dem, was Florian auch schon alleine könnte. Z.B. bringt sie ihm den Turnsack in die Schule, wenn er ihn vergessen hat. Dies macht sie, weil sie vermeiden will, dass er Ärger bekommt. Oder sie geht immer darauf ein, wenn Florian sich mit den Hausaufgaben so überfordert fühlt. Da Kinder sehr genau abspüren, wie sie bei den Eltern ankommen, hat Florian schon früh angefangen zu verlangsamen, da dann die Mutter ganz auf ihn eingeht. So braucht er lange, bis er angezogen ist oder bis er seine sieben Sachen zusammengesucht hat. Wie vielen anderen geht es auch dieser Mutter so, dass irgendwann die Geduld zu Ende ist und auch sie laut wird und schimpft. 

 

Im Tageszentrum Miteinander Füreinander kommt nun Florian einmal in der Woche Hausaufgaben machen. Dabei wird mit ihm zuerst besprochen, wie Lernen überhaupt stattfindet. Die „Lernbegleiterin“ hat aus den Gesprächen mit den Eltern die Annahme, dass Florian sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellt, es eigentlich sehr gut machen will, aber meint, er müsse es sofort können. Er gibt dann schnell auf und weicht aus, wenn es ihm nicht gelingt, so perfekt zu sein, wie er denkt sein zu müssen. Die Hausaufgaben bleiben dann in der Schule liegen oder er schreibt ganz unsorgfältig und unleserlich, um Fehler zu vertuschen. Da die Lernbegleiterin weiss, dass Florian im Moment noch nicht selbst erzählen kann, wie er sich fühlt, da er ja nicht schlecht dastehen will, nimmt sie andere Beispiele aus dem Tageszentrum Miteinander Füreinender und erzählt von den Gefühlen von anderen. Sie erzählt von einem Schüler der einen Schreck hat, etwas falsch zu machen, weil der Vater dann schreit. Dieser Junge meint, dumm zu sein und vergisst darum häufig die Hausaufgaben in der Schule, um nicht in die Situation zu kommen, dass der Vater seine „Dummheit“ entdeckt. Oder sie erzählt von einem anderen Jungen, der immer ganz schnell vorliest, in der Hoffnung, dass man dann seine Fehler nicht hört. Ganz langsam, kann Florian auch andeuten, dass er meint, dumm zu sein und nicht lernen zu können. 

Die Lernbegleiterin im Tageszentrum Meilen bleibt sicher in der Haltung, dass Florian alles lernen kann, dass er intelligent ist und dass er Schritt für Schritt vorwärts gehen kann. So hat sie immer andere Aufgaben bereit, wenn er seine Hausaufgaben „aus Versehen vergessen hat“ und sie mutet ihm auch zu, Fehler korrigieren zu können. Sie hat immer ihren „Zauberradiergummi“ dabei und wenn Florian einen Fehler macht, radiert sie ganz sauber und sorgfältig aus und Florian kann sich korrigieren. Von Stunde zu Stunde wird Florian sicherer und gewinnt Freude am Lernen. 

Am Anfang braucht er bis zu 15 Minuten bis er sich hingesetzt hat und mit den Aufgaben beginnt. Nach 3 Monaten kann er sich sofort hinsetzen. 

Die Unruhe, die Florian in der Klasse hat, versteht die Lernbegleiterin so, dass Florian sich immer absichern muss, ob er es jetzt wirklich richtig macht. Wenn die Lehrerin eine Aufgabenstellung gibt, dann entsteht bei ihm sofort die Unruhe, ob er es gut machen werde und schaut links und rechts, was seine Klassengspänlis machen. 

Da Florian zu Hause nicht nur Strenge erlebt, sondern auch Verwöhnung, gehört das Verlangsamen zu seiner Eigenlogik, dass er so geschont beziehungsweise gerettet wird. Die Verwöhnung bremst ihn im Herangehen ans Lernen und im Erleben seiner Selbstwirksamkeit, was ihn in seinem ganzen Lernverhalten schwächt .

Florian hat Glück, dass seine Eltern so mutig sind und im Tageszentrum Meilen ganz offen erzählen, wie sie ihr Zusammenleben gestalten. So kann man gut über die Fehler sprechen, die wir alle in der Erziehung machen. Die Eltern sind ganz offen und wir können besprechen, wie es möglich ist, Florian zu einer anderen Herangehensweise ans Lernen zu verhelfen. Gemeinsam mit den Eltern kann in einem Gespräch mit Florian abgemacht werden, dass jeder in der Familie eine Aufgabe hat, ihm bei seiner Gefühlsveränderung mitzuhelfen. 

 

Ganz langsam wird Florian immer ruhiger und seine Nervosität legt sich. Dies macht sich auch in der Schule bemerkbar und von den Lehrerinnen kommen immer mehr positive Rückmeldungen.

 

 

Eifersucht und Schulverweigerung

Eifersucht und Schulverweigerung

Bericht einer Lehrerin im Tageszentrum Miteinander Füreinander Meilen 

Familie Burkhardt zieht mit ihren drei Töchtern von einem nahegelegenen Dorf in unsere Gemeinde. Nach den Ferien soll Sarah in ihre neue Klasse eintreten. Sie erscheint aber am ersten Schultag nicht.

Ich nehme Kontakt mit der Mutter auf. Im Verlauf der nächsten drei Monate und vielen Gesprächen mit den Eltern ergibt sich ein Bild von Sarah und ihrem Lebensstil. Wie kann Sarah im Sinne der Individualpsychologie verstanden werden? Wie konnte es dazu kommen, dass sie auf die neue Situation mit Schulverweigerung reagiert? Meine Überlegungen diskutierte ich auch mit Diethelm Raff und Dr. med. Lilly Merz Raff im Bildungszentrum für Psychologie und Erziehung, bei denen ich einige psychologische Fortbildungen besuchte. 

 

Wie Sarah die Welt erlebt

Sarah ist ein 13-jähriges Mädchen und zeigte bis vor kurzem anscheinend keine grösseren Auffälligkeiten. Sie ist die mittlere von drei Kindern. Ihr älterer Bruder ist 14 Jahre alt, ihr jüngerer 10 Jahre. Als Sarah zur Welt kam, kam sie also in eine Welt, in der schon ein grösserer Bruder seinen festen Platz in der Familie hat.  

Laut Aussagen der Eltern, brauchte der ältere Bruder viel Aufmerksamkeit, da er häufig krank war und in der Entwicklung verzögert war. Schon hier stellt sich die Frage, warum sich der grosse Bruder durch Krankheit und Verlangsamung seinen Platz in der Familie sicherte. Von der Mutter weiss ich, dass sie aufgrund ihrer Gangart, die Probleme immer direkt und in übermässigem Engagement angeht. Auch bekamen die Eltern sehr jung Kinder und waren in den ersten Jahren noch sehr absorbiert durch die eigenen Ausbildungen und mit sich und der Partnerschaft beschäftigt. Es kann also davon ausgegangen werden, dass sich bereits der ältere Bruder das unbewusste Ziel setzte, durch Verlangsamung und Schwäche die ganze Aufmerksamkeit der Mutter für sich zu haben.

Man kann sagen, dass Sarah sich eine eigene Spezialisierung zulegen musste, um sich neben dem umsorgten Bruder ihren Platz zu sichern. Als Antwort auf die Art der Beziehungsbildung der Mutter und des Bruders hat sich Sarah vorgenommen, den grossen Bruder zu überholen, besser zu sein als dieser und möglichst alles selbständig erledigen zu können. Der grosse Bruder hatte viel Aufmerksamkeit durch seine Sprachverzögerung und seinen Schwierigkeiten in der Schule bekommen. Sarah hatte erlebt, dass die Eltern um den grossen Bruder sehr besorgt waren und dies auch als Belastung empfanden. Für ihre Eigenständigkeit hat sie wiederum viel Lob bekommen und Anerkennung erhalten. So hat sie schon als Kind nicht geübt zu kooperieren, sondern hat das Streben nach Besser-Sein und Selbständig-Sein ausgebaut. Hier zeigt sich die Finalität dieses Strebens, hier zeigt sich die eigene Schablone, die Sarah über ihr Leben gestülpt hat. Aus der Unsicherheit heraus, ob sie auch  ihren Platz hat oder sogar aus dem Mangel an ermutigender, einfühlsamer Zuwendung hat Sarah das  unbewusste Ziel entwickelt, etwas Besonderes zu sein - besonders schnell, besonders eigensinnig und selbständig. 

 Sarah hat in den ersten Lebensjahren kaum erlebt, dass man in Ruhe etwas durchsprechen kann und gemeinsam zu Lösungen kommt. Vor allem die Mutter wandte sich immer sehr intensiv dem grossen Bruder zu. Sarah erlebte Anerkennung über ihre guten und schnellen Leistungen. Gleichzeitig erlebte sie aber, dass es dann eine enge Verbindung gibt, wenn sich die Mutter nur dem einen Kind ganz und gar zuwendet. So begann Sarah Ideen zu entwickeln, wie etwas ablaufen soll. Darauf musste sie dann bestehen, es sogar erzwingen, immer als Beweis, dass sie geliebt wird. Nur wenn man sich ihr dann ganz zuwendete und es nach ihren Vorstellungen ging, konnte sie sich wieder sicher sein, dass sie auch geliebt wird, dass sie auch ihren Platz hat. Wie wir sehen werden, hat sie dies dann immer mehr ausgebaut.

Zum Beispiel hatte sie als vierjährige einen Vorhang mit Zwergen in ihrem Zimmer, der immer in einem genau von ihr vorgegebenen Ritual zugezogen werden musste und drapiert werden musst.. Erst wenn er genau so hing, wie sie das wollte, konnte sie einschlafen. Oder es gab ein bestimmtes Fingerabzählspiel, dass die Mutter immer genau gleich machen musste, damit sie schlafen konnte. Wenn dann etwas nicht nach ihren Vorstellungen verlief, dann konnte sie stundenlang schreien, bis die Eltern sich ihr anpassten. 

 

Eifersucht

Die Eltern erinnern sich, dass Sarah bereits am ersten Kindergartentag auf die neue Situation mit Verweigerung reagierte. Die Eltern mussten sich nach genauen Vorgaben von Sarah langsam zurückziehen. Erst nach einigen Wochen gelang es Sarah, wie die anderen Kindergartenkinder ohne Eltern den Tag mit den Kindern im Kindergarten zu verbringen. Interessanterweise kommt genau in diesem Zeitraum der jüngere Bruder Luca zur Welt. Es ist verständlich, dass die Entthronung Sarahs Lebensstil noch verstärkt hat und es zeigt sich deutlich die Entstehung oder eventuell auch schon die Verfestigung der Eifersucht. 

Psychologisch gesehen handelt es sich bei der Eifersucht um ein Schwächegefühl. Dieses Schwächegefühl prägt und beeinträchtigt die ganze Persönlichkeit. Bei der Eifersucht geht es immer um das Gefühl des Zu-Kurz-Kommens. Häufig tritt das Gefühl des Zu-Kurz-Kommens bei Menschen auf, die einem besonders wichtig sind oder die man besonders achtet. Man meint dann, man werde zu wenig beachtet oder gar vernachlässigt und jemand Anderes werde bevorzugt. Das Gefühl ist dann sehr heftig, schmerzhaft und kaum auszuhalten. Es kann also gut verstanden werden, dass Sarah aus dem schmerzhaften Gefühl, vom kleinen Bruder verdrängt zu werden, alle Kraft darin setzen musste, dieses Gefühl zu kompensieren, indem sie ihren Lebensstil ausbaute. Sie musste dafür sorgen, dass die Eltern sich ihr ganz zuwendeten, ganz auf sie eingingen als Absicherung, dass sie geliebt wird. Die Eltern erkannten nicht, dass sie durch ihre Verweigerung im Kindergarten sich eine besondere Stellung zu sichern versuchte, sich vor den anderen Kindern hervorheben musste , da sie sonst meinte, nicht mehr gesehen zu werden und zu kurz zu kommen. Die Eltern erzählen, dass sie sogar fotografiert wurden in der Situation im Kindergarten mit Sarah auf dem Schoss und dass das Foto lang im Kindergarten hing. Sie erzählen dies in einer Stimmung, die durchblicken lässt, dass sie dies auch besonders bewerteten und dem besondere Aufmerksamkeit schenkten. Es wird noch heute als Anekdote erzählt und sicherte Sarah ihren speziellen Platz. Die Eltern haben verpasst zu erkennen, dass Sarah so auf eine unglückliche und untaugliche Weise ihr Schwächegefühl der Eifersucht zu überwinden versuchte. So fehlt Sarah die Verbindung zu Anderen, die Fähigkeit sich gleichwertig einbringen zu können und sich wohl zu fühlen unter Anderen, ohne etwas Besonderes sein zu müssen. 

Sarah hat Eltern, die sehr bemüht sind. Eine Mutter, die sich gewohnt ist anzupacken und „Probleme“ zu lösen. Jedoch sind die Eltern auch mit ihren eigenen Aufgaben sehr absorbiert. Der ältere Bruder hat durch seine Gangart die volle Aufmerksamkeit der Mutter, welche sich ihr ganz und gar zuwendet, wenn sie sie braucht. 

Das Neugeborene, also der kleine Bruder Luca, brauchte nun auch wieder die volle Aufmerksamkeit. Sarah hatte bereits entwickelt, dass sie dann zur Geltung kommt, wenn sie besonders schnell und selbständig ist und hatte für sich interpretiert, dass sie sich nur dann geliebt und sicher fühlen kann, wenn man ganz auf sie eingeht, ganz nach ihren Vorstellungen handelte. Mit dem jüngeren Bruder musste sie zwangsläufig diese Gangart ausbauen, denn das Gefühl, zwischen dem grossen und dem kleinen Bruder zu kurz zu kommen, wird verstärkt. Es kann gut verstanden werden, dass Sarah die Eifersucht packte und sie im Gefühl um ihr Überleben gegen die Geschwister kämpfen musste. Dabei spielte das mangelnde Gemeinschaftsgefühl eine grosse Rolle. 

Das Gefühl der Eifersucht hat primär nichts damit zu tun, ob eine reale Benachteiligung vorliegt, sondern diese Eifersucht ist ein Ausdruck davon, wie weit man sich als Mensch unter den anderen Menschen sicher und zugehörig fühlt.

Ihr Gefühl der Eifersucht hat sie einmal mit der Feststellung zum Ausdruck gebracht, dass sie am liebsten ein Einzelkind wäre. Auch hier zeigt sich bindungstheoretisch gesehen, dass das Explorationsverhalten eingeschränkt ist. Es besteht also keine sichere Bindung (Brisch, 2009, S.102 ff). Zur Überwindung dieser Unsicherheit erlebte Sarah in der Verweigerung die Zuwendung, die ihr ihren Platz sicherte. Die Verweigerung kann so verstanden werden, dass  sie ihr unbewusstes Ziel, auch in einem neuen Umfeld immer die Schnellere und Bessere zu sein, nicht mehr erreichen kann, da sie sich dort erst den Platz der Besonderen erarbeiten müsste und sie daraus folgend nur den Ausweg in der Verweigerung sieht, was ihr erneut eine Besonderheit zusichert. 

Wie wir sehen, hat die Eifersucht Sarahs Ziel, beziehungsweise ihren Lebensstil noch verstärkt. 

 

Schulzeit 

Sarahs Gangart, ihr Lebensstil, zeigt sich nun auch im weiteren Verlauf ihrer Schulkarriere. In der Klassengemeinschaft tut sie sich bei Gruppenarbeiten schwer. Sie lernt schnell und ausdauernd für sich alleine, fällt aber durch ein mangelndes Sozialverhalten in der Klasse auf. 

In der zweiten Primarklasse ergibt eine Abklärung, dass Sarah in der Klasse unterfordert sei und es wird empfohlen, dass sie eine Klassenstufe überspringen soll. Dies verfestigt nochmals Sarahs Annahme, dass sie immer etwas Besonderes sein muss. Es wird verpasst, dass es bei Sarah darum geht, sich mit Anderen anfreunden zu können, sich ganz gleichwertig einbringen zu können und sich zugehörig zu fühlen. 

Da sie in der neuen Klasse nun nicht mehr zu den Besseren gehört, das heisst ihr Geltungsdrang behindert ist, greift sie wieder auf ihre Verweigerungsstrategie zurück. Sie verweigert die Hausaufgaben und geht auch tageweise nicht zur Schule. Zu Hause ist sie im ständigen Streit mit ihren Geschwistern, schreit herum, nimmt ihnen Sachen weg und wird auch handgreiflich. Die Eltern sind nicht aufgeklärt und meinen, Sarah sei zur falschen Lehrerin eingeteilt worden und wollen ihr helfen. Sie intervenieren in der Schule, haben aber keinen Erfolg. Sie nehmen Sarah daraufhin aus der öffentlichen Schule und lassen sie für ein  Jahre privat beschulen. Für Sarah bedeutet diese Intervention unglücklicherweise, dass sie bei dieser Gelegenheit nicht ihre Eifersucht in Frage stellen und überwinden kann, sondern bestätigt wird, dass andere ihre Unruhe hervorrufen und sie nichts dazu beitragen kann, diese zu verlieren.

Der Wiedereinstieg in die 6. Klasse der öffentlichen Schule, also wieder zurück in ihre altersgemässe Schulstufe, gelingt gut. Sarah ist wieder mit Gleichaltrigen zusammen und gehört in der Klasse zu den Besten. Diese Situation entspricht ihren unbewussten Lebensvorstellungen und sie ist sehr glücklich. Der psychologisch geschulte Lehrende weiss jedoch, dass dieses Glück nur in solch einem Besser-Sein-Erleben möglich ist und psychisch nicht nachhaltig abgesichert ist. Aber jetzt kann sie ohne weitere Zwischenfälle die 1. Oberstufe besuchen. Diese extremen Verhaltensunterschiede können nur verstanden werden, wenn man nach der inneren Logik, dem Lebensstil, dem unbewussten Ziel im Leben sucht. Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher die unverstandene Gefühlslogik nachvollziehen kann und genug Mut aufbringt, kann er auch seinen Lebensstil verändern und damit auch sein Verhalten. 

Eine andere Begebenheit soll nochmals veranschaulichen, wie Sarahs Lebensstil zu verstehen ist. Sarah spielt aktiv beim Frauenvolleyball. Dort war sie sehr gut und hatte sich einen Namen gemacht. Nach ihrem 12. Geburtstag musste sie jedoch das Team wechseln, da sie in eine neue Kategorie kam. Sie ging einmal ins Training und meinte dann, die anderen Mädchen seien so zickig, dort ginge sie nicht mehr hin. Sie brachte dann Eltern und Trainer dazu, dass sie bei den Jungs spielen durfte, hörte dann aber auch dort auf. 

Wir stellen hier zwei Sachverhalte fest: Sarah reagiert wieder mit dem gleichen Verweigerungsmuster, als es darum geht, in eine neue Gruppensituation zu kommen. Eine Situation, in der sie sich um die Beziehung mit andern bemühen muss und sie nicht durch bessere Handballfähigkeiten als die anderen ihren besonderen Platz hat. Bei den älteren in der Handballkategorie hätte sie ganz unten anfangen müssen und sich erst wieder etwas erarbeiten müssen. Dies gelingt ihr nicht und zwar aufgrund ihres Lebensstils, aufgrund der Annahme, dass sie nur dann ihren Platz hat und sich nur dann sicher fühlen kann, wenn sie eine Überfliegerin ist. Sie externalisiert dann das Problem und fühlt sich aus Mangel an Gemeinschaftsgefühl nicht zugehörig und unterschiebt den anderen Mädchen, dass sie sie ablehnen. Hier zeigt sich die Eifersucht auf die anderen. 

Erstens stellen wir fest: Ihr Gefühl, nur dann einen Platz zu haben, wenn sie etwas Besonderes ist, muss als Schwächegefühl verstanden werden. Sie konnte kein Selbstbild entwickeln, welches einfach durch ihr Sein an sich schon einen Wert hat und sie somit ihren Platz im Leben hat. Diese Unsicherheit muss sie mit dem Gefühl der Überlegenheit kompensieren. Dieses Geltungsstreben entfernt sie jedoch von den anderen und lässt sie immer auf Abstand von den Mitmenschen bleiben. Sie kann sich so nicht abstützen, kann nicht erleben, dass im Miteinander, im ruhigen Hin und Her Lösungen für Schwierigkeiten gefunden werden. Sie unterstellt den anderen immer, dass sie gegen sie sind. 

Als Zweites stellen wir fest, dass die Eltern ihr hier keinen Weg bieten, eine neue Sicht zu gewinnen, sondern Sarah in ihrer untauglichen Bewältigungsstrategie unterstützen, indem sie die Umwelt an Sarahs Bedürfnisse anpassen. Sie geben somit Sarahs unbewusster Meinung über sich und andere Recht. Es ist auch genau das, was Sarah schon von klein auf ausgebaut hat. Sie erzwang sich unbewusst, wie etwas passieren muss, als Beweis, dass sie geliebt wird. Die Eltern sind bemüht, für Sarah das Beste zu machen, sie verzärteln sie hier jedoch. Sie geben ihr keine adäquate Anleitung, wie das Leben zu bewältigen ist, sondern schwächen sie, indem sie ihr die Steine aus dem Weg räumen. 

Als Sarah nun Ende letzten Jahres erfährt, dass sie die Wohngemeinde wechseln und sie dementsprechend die Klasse wechseln muss, kündigt sie schon an, dass sie sich nicht auf die neue Situation einlassen wird. Ihre Noten fallen bereits in der alten Klasse ab, sie nimmt nicht mehr am Schulunterricht teil sondern stellt sich bereits auf ein Scheitern und ein Erzwingen ein. Sie bereitet sich bereits in der ganzen Stimmung auf Verweigerung vor. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Sarah gemäss ihrer unbewussten Meinung über das Leben nicht vorstellen kann, in der neuen Klasse einen Platz zu haben. Sie gibt von Anfang an vor, dass die Mädchen dort Zicken seien, dass diese nichts mit ihr zu tun haben wollen und dass es ihr unmöglich sei, dort in die Schule zu gehen. Erneut steht sie wieder vor der Aufgabe, sich ganz unspektakulär in eine neue Gruppe eingeben zu müssen, was ihr aus mangelndem Gemeinschaftsgefühl und aus ihrem final gerichteten Ziel, also ihrem Lebensstil, nicht gelingen kann.

Hat sich in der Kindheit genügend Gemeinschaftssinn entwickelt und weniger Minderwertigkeitsgefühl oder gar ein Minderwertigkeitskomplex, ist es möglich, sich ganz gleichwertig einzubringen, sich grundsätzlich zugehörig zu fühlen und gemeinsam mit anderen in einer kooperativen Weise Probleme anzugehen und zu lösen. Dies gelingt Sarah nicht. Sie steckt nun in einer Sackgasse, aus der sie selber nicht mehr herausfindet.

Ich möchte im nächsten Schritt beschreiben, welche Interventionen ich versucht habe und wie ich mit Sarah und den Eltern vorgegangen bin.

  

Suche nach Auswegen

Eine grosse Schwierigkeit bei Sarah ist, dass es sich beim Erziehungsstil ihrer Eltern um einen eher verwöhnenden / verzärtelnden Erziehungsstil handelt, wie ihn Alfred Adler nennt,. Sarah ist also gewohnt, dass man das Gespräch mit ihr sucht, dass man mit ihr reden will, dass man auf sie eingeht, egal wie sie sich benimmt. Sie hat aus dieser verwöhnten, geschwächten Haltung heraus auch eine ganz enge Sichtweise entwickelt, wie man mit ihr umzugehen hat und wie sie sich verstanden fühlen kann. Gehen nun die Eltern auf Sarah ein, verstärken sie ihren Lebensstil und schwächen sie. Gleichzeitig muss aber gesehen werden, dass Sarah tatsächlich Hilfe braucht, da sie alleine nicht mehr aus der Sackgasse herausfindet.

 

Der direkte Umgang mit Sarah

Sarah ist nie erschienen, wenn ich mit ihr ein Gespräch abgemacht hatte. Am Ende der ersten Woche, die Sarah zu Hause verbracht hat, habe ich einen Hausbesuch gemacht. Sarah hatte sich jedoch in ihrem Zimmer eingeschlossen. Ich habe dann durch die Türe mit ihr gesprochen. 

Ich hatte mir vorher genau überlegt, was ich ihr sagen möchte. Ich sagte ihr dann durch die Tür, wie ich es verstehe. Ich sagte ihr, dass ich bis jetzt verstanden habe, dass sie entwickelt habe, überall die Schnellste und Beste zu sein und dass sie nun meine, es würde in der neuen Klasse nicht gut gehen. Dass dies gut verstehbar sei, aber dass sie sich da eine falsche Vorstellung gemacht habe und dass sie sich sicher sein könne, dass es gut gehen werde. Dass sie sich ganz gleichwertig einbringen könne und sich gut Freunde in der Klasse machen könne. Sie sei ja eine Schnelle und würde schnell verstehen, aus welcher falschen Meinung über das Leben sie reagiere und so könne sie auch schnell umstellen.

Dabei ging es mir darum, der Jugendlichen erste Erklärungen anzubieten und auch gleich einen möglichen Ausweg aufzuzeigen. Fühlt sich ein Mensch bei den Überlegungen zum eigenen Lebensstil erfasst, dann ist die Offenheit auch da, auf das Angebot des Ausweges einzugehen und meine Zuversicht zu übernehmen, dass sie sich selbst verstehen lernen kann. Sarah ist nach diesem ersten Gespräch (also einem eigentlichen Monolog) am nächsten Tag zu mir in die Schule gekommen. Das hat mir bestätigt, dass mein Vorgehen richtig war.

Leider war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, wie stark Sarah schon ihren untauglichen Lebensstil verfolgt und wie oft sie schon früher in solchen Situationen mit Verweigerung reagiert hatte.  

Leider wurde ich länger krank und nach drei Wochen fing Sarah wieder an, an einzelnen Tage zu fehlen und blieb dann ganz zu Hause. 

Als ich wieder gesund war, ging ich noch einmal vorbei und konnte in Sarahs Zimmer mit ihr reden. Ich traf jetzt eine Jugendliche an, die mit grosser eigenwilliger Kraft jedes Beziehungsangebot ablehnte. Sie wirkte auf mich, wie eine ausgeschaltete Dampfwalze, die da sitzt und keinen Wank macht und mit jeder Faser ihres Körpers zum Ausdruck bringt, dass sie nicht zu bewegen ist. So führte ich nochmals einen Monolog, was bewirkte, dass Sarah nochmals für ein paar Tage zur Schule ging. Der Ausblick reichte aber nur für ein paar Tage bis Sarah sich wieder zu Hause verbarrikadierte. 

Ich motivierte die Klasse, ihr nette Briefe zu schreiben und einige ihrer neuen Kollegen versuchten, sie zu Hause abzuholen. Sogar mein Schulleiter machte einen Hausbesuch, kam jedoch auch nicht mit ihr ins Gespräch.

In dieser ganzen Zeit konnte Sarah nie formulieren, was sie eigentlich für ein Ziel habe. Sie gab keine Erklärungen ab, warum sie nicht in diese Klasse wolle. Sie schaffte es nicht, mit irgend jemanden in einen konstruktiven Austausch zu kommen. Das ist gut verständlich. Es ist selten so, dass sich ein Kind oder Jugendlicher, auch ein Erwachsener, seiner Gefühlslage bewusst ist. Erklärungen, die wir hören, sind meistens nicht ausreichend oder sogar nicht richtig. Es liegt an uns, den Lebensstil und die unbewusste Gefühlslage zu ergründen und sich dabei zusammenzutun, um den Hintergrund von solchen Verhaltensweisen wie Fernbleiben von der Schule zu erfassen.  

 

Die Eltern

Zuerst führte ich mit der Mutter ein stärkendes Gespräch und schlug ihr vor, wieder arbeiten zu gehen und ihr Leben weiter zu führen. Sie war anfangs zu Hause geblieben, als Sarah nicht in die Schule ging. Davon riet ich ihr dringend ab, denn Sarah darf in ihrer Verweigerung keine übertriebene Zuwendung erfahren. 

Im gemeinsamen Gespräch mit der Mutter und auch mit dem Vater zeichnete sich ein Bild ab, wie der mögliche Lebensstil von Sarah verstanden werden kann. Wir haben gemeinsam durchgesprochen, wie sie mit Sarah reden können. So war wichtig, dass die Eltern selbst ein klareres Bild bekommen, wie sie ganz nah am realen Leben auf Verhalten von Sarah reagieren können. So hatte Sarah begonnen, die Wäsche zu Hause zu machen und für die Familie zu kochen. Die Mutter ist dann sehr lobend darauf eingegangen und hat dies gleich auch als Entschuldigung für Sarah genommen, sie sei ja eigentlich eine Liebe und Anständige, sie verstehe gar nicht, warum sie nicht in die Schule gehe. Wichtig für Sarah ist aber zu hören, dass es nicht ihre Aufgabe ist, zu Hause zu sein und die Wäsche zu machen, sondern ihre Aufgabe ist es, sich in der Schule auf ein selbständiges Leben vorzubereiten. Hier keine Stellung zu beziehen, ihr das reale Leben nicht zuzumuten, sondern Sarah in Schutz zu nehmen ist ein Teil der Verwöhnung und schwächt Sarah noch mehr. 

In allen Gesprächen, die ich mit den Eltern geführt hatte, war zu spüren, wie schnell sie das Gefühl haben, sie könnten ihrer Tochter dies oder jenes nicht zumuten. Das Gefühl, sie würden sie im Stich lassen, wenn sie nicht gross auf die Verweigerung eingehen sondern einfach dabei bleiben, dass es gut gehen kann und sie einfach in die Schule gehen kann. Die Eltern waren aus ihrer eigenen Geschichte heraus nicht in der Lage, Sarah eine klare, wohlwollende und ermutigende Anleitung fürs Leben zu geben. Sie schwanken immer wieder zwischen Strenge („Was fällt ihr überhaupt ein“, „Das tolerieren wir nicht“) und Verwöhnung.  

Da Sarah sich selbst nicht verstehen kann, kann sie auch keine Antwort geben, warum sie nicht zur Schule geht. Es ist unsere Aufgabe zu verstehen, aus welcher unbewussten Meinung heraus sie sich ein Bild  von der momentanen Situation macht und was sie dazu veranlasst, die Schule zu verweigern. Zu Beginn habe ich mit der Mutter immer wieder durchgesprochen, wie sie mit Sarah reden kann. 

Im Verlaufe der Gespräche, ergab sich dann ein immer deutlicheres Bild. Die Mutter hatte viele Begebenheiten vergessen. Erst durch die Gespräche mit mir wurden ihr Zusammenhänge klar und sie erinnerte sich immer mehr an Ereignisse, in denen Sarah mit dem genau gleichen Verhalten von Verweigerung, Zwang und Eifersucht reagierte. Der Mutter wurde im Prozess immer klarer, dass es wichtig ist, Sarah deutlich und überzeugend aufzuzeigen, dass sie nicht zu Hause bleiben kann, dass ein Zusammenleben bedeutet, dass alle in einem kooperativen gemeinschaftlichen Austausch sind, bei dem jeder gleichwertig seinen Platz hat. 

 

Veränderung

Es fanden weitere Gespräche mit beiden Elternteilen statt. Es zeigte sich, dass Sarah nicht aus ihren Verwicklungen direkt herauskommen konnte. So sollte sie eine Möglichkeit mit Menschen zu erhalten, in der ihre Eifersuchtsgefühle nicht so stark angeregt werden wie in ihrem Elternhaus und gleichzeitig eine Situation, in der es offensichtlich ist, dass sie nicht zurückgesetzt wird, wenn sie einen Beitrag leistet, den es unbedingt braucht. Zudem ist es sehr schwer für die Eltern, eine eingespielte Haltung selbst ganz wegzulassen, besonders weil es sich um die eigene Tochter handelt. Sie müssten sicher werden, dass sie weder verwöhnen noch sich ärgern. Und für Sarah ist es ebenso schwierig, eine Lebenshaltung in Frage zu stellen, die sie zeitlebens als passend erlebt hat. So kam es zu einer Time-Out-Platzierung auf einem Bauernhof, was schlussendlich erfolgreich war. Die Bauernleute waren sehr nett und offen, aber hatten keinerlei Neigung, Sarah zu verwöhnen. Sie liessen sich durch ihre Nervositäten weder dazu verleiten, sich aufzuregen noch sich ständig mit ihr über ihre momentanen Gefühlsregungen auszutauschen. Sie hatten genug andere Dinge, die sie im Leben beschäftigten und die wichtig waren, was Sarah letztendlich sehr beruhigte. Zudem konnten die Eltern in einer Psychotherapie glücklicherweise ihre Haltung und ihre Stimmung gegenüber Sarah umstellen. Sie konnten Abstand nehmen von einer strengen Haltung („Das macht man einfach nicht, man geht doch einfach in die Schule, was fällt ihr ein....“) aber auch vom verwöhnenden Zuspringen und Abnehmen. Auch gelang es ihnen, mit Sarah ins Gespräch zu kommen und ihr zu erklären, dass sie sich eine falsche Vorstellung vom Leben gemacht hat. Dass es ein Irrtum sei, nur über das Besonders-Sein ihren Platz in der Familie sichern zu können. Sie konnten über die Eifersucht reden und darüber, dass sie Sarah lieben, einfach so.

Dadurch, dass auf dem Bauernhof der Alltag nicht problemfokussiert war, konnte Sarah wieder erleben, dass ihr Dinge gelingen, und ihre Stärken konnten wieder zum Vorschein kommen. 

Sarah ist ganz ausgerichtet auf den Vater. Ihr unbewusstes Ziel, immer etwas besonders gut und vor allem besser zu machen als die anderen, dienten in erster Linie dazu, um beim Vater anzukommen. Die Schmach, dies nicht aufrecht erhalten zu können, verunmöglichte es ihr aus ihrer Verweigerungshaltung herauszutreten. Lieber alles verweigern und von sich weisen, als eingestehen zu müssen, dass es ihr nicht gelingt, in der Klasse die Beste zu sein und damit in ihrem Gefühl zu befürchten, den Platz beim Vater zu verlieren. In ihrem Irrtum diente die Verweigerung dazu, einen Beziehungsabbruch zum Vater zu verhindern.

Auf dem Bauernhof gelang es, mit Sarah wieder ins Gespräch zu kommen und darüber zu reden, wie sie sich ihre weitere Schulzeit vorstellt, was sie meint, dass es braucht, damit es gelingen kann. 

In der Therapie konnte sie dann immer besser verstehen, welches unbewusste Ziel sie sich gesetzt hatte. Sie konnte erleben, dass sie ankommt, ohne etwas Besonderes zu sein und konnte in der therapeutischen Jugendgruppe  anfangen, sich für andere zu interessieren und sich so anderen anzunähern.

 

Schlussüberlegungen

Meine Arbeit mit Sarah hat mir gezeigt, dass Schulverweigerung nicht allgemein verstanden werden kann und darf. Mit dem Anspruch, nicht etikettieren zu wollen, scheint mir der Verstehensprozess aus einer individualpsychologischen Sicht eine sehr wertvolle Herangehensweise. In der ganzen Zeit war es mir möglich, mit den Eltern so ins Gespräch zu kommen, dass über Sarah geredet werden konnte, ohne dass die Eltern sich angegriffen fühlten.  

Da die Individualpsychologie nicht festschreibend ist, sondern Schritt für Schritt aus einer sozialpsychologischen Sichtweise den Menschen zu verstehen versucht, ist es auch möglich, dass Eltern sich öffnen können. Sie laufen weniger Gefahr, zu meinen, sich rechtfertigen zu müssen, da es immer auch darum geht, zu verstehen, wie die Jugendliche selbst die Welt interpretiert, in die sie hineingeboren wurde. Deshalb ist auch Schulverweigerung individuell zu verstehen. 

 

Literaturverzeichnis

Adler Alfred, 1992 (1928): Die Technik der Individualpsychologie 1. Die Kunst eine 

Lebensgeschichte zu lesen. Fischer Verlag, Frankfurt am Main

Adler Alfred, 2008 (1933): Der Sinn des Lebens. Anaconda Verlag, Köln

Adler Alfred, 2008 (1927): Menschenkenntnis. Anaconda Verlag, Köln

Brisch Karl Heinz, 2009: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie. 

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart

Conzen Peter, 2010: Erik H. Erikson. Grundpositionen seines Werkes. Verlag Kohlhammer,

Stuttgart

Dreikurs Rudolf, 2009: Grundbegriffe der Individualpsychologie, Verlag Klett-Cotta,

Stuttgart

Dross Margret, 2001: Krisenintervention. Hogrefe Verlag, Göttingen Toronto Bern Seattle

Hellgardt Hermann, 1982: Die Individualpsychologie Alfred Adlers. Ein Lehrbuch Heraus-

gegeben von Rainer Schmidt. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart

Sonneck Gernot et al, 2012: Krisenintervention und Suizidverhütung. Verlag Facultas , Wien

Henry – es muss nach seinem Kopf gehen

Eine Lehrerin, die Berufsschüler unterrichtet, besprach im Tageszentrum Miteinander Füreinander in Meilen einige ihrer Problemschüler mit Diethelm Raff und Lilly Merz Raff

 

Sie berichtet kurz darauf von einer gelungenen Intervention folgendes:

 

Henry – es muss nach seinem Kopf gehen

„Das wird eine Herausforderung“, dachte ich schon, als ich Henry die ersten 10 Minuten kannte. Ein Wirbelwind, schnell, temperamentvoll und immer mit dem Gefühl benachteiligt zu werden. Sehr auf sein Äußeres bedacht, gepflegt und modern gekleidet. 

Wir arbeiten viele Stunden praktisch zusammen, eine gute Möglichkeit zu beobachten. Henry ist immer der Erste, der sich freiwillig für Aufgaben meldet. Solche jungen Männer mag ich, sie sind immer eine Herausforderung, weil sie ständig Beschäftigung brauchen und man sie darüber gut motivieren kann. Die ersten Tage klappte es ganz gut. Über neue Schüler weiß ich nichts. Bei Henry vermutete ich sehr schnell, dass er zuhause der Jüngste ist. Sehr freundlich und immer auf Anerkennung aus. Wenn ihm etwas nicht passte, wendete sich das Blatt sehr schnell. Dann strampelte er wie ein trotziges Kind. So auch im theoretischen Unterricht.

Zu Beginn des Schuljahres mache ich verstärkt Gruppenarbeit. Das ist immer eine gute Möglichkeit, dass sich auch Schüler näher kennenlernen kann, die sich sonst aus dem Weg gehen. So auch heute. Ich ließ bis 7 zählen und hatte so meine zufällige Gruppenformation. Alles ging gut, bis Henry mitbekam, er ist mit Jana und Sybille in einer Gruppe. „Nicht seine Konstellation“, das war mir sofort klar. Die Erfahrung der Jahre lehrte mich, keine Ausnahmen zu machen, nicht in der `Kennenlernphase`. Henry fing an zu diskutieren: “Mit denen will ich nicht zusammenarbeiten, ich will in eine andere Gruppe“ Ich sah ihn freundlich an: “Nein Henry, es bleibt dabei.“ Er wurde immer lauter: “Die sind blöd, mit denen will ich nicht zusammenarbeiten“. Ich blieb ruhig. “Woher weißt du das, hast du schon einmal mit ihnen zusammengearbeitet? Er wurde noch wütender: “Das weiß ich eben.“ Ein schwaches Argument und er merkte es. „Nein Henry, es bleibt dabei. Versuch es einfach. Vielleicht änderst du deine Meinung, wenn ihr zusammen etwas gestaltet habt und euch näher kennt.“ Er tobte weiter, wurde noch lauter und versuchte, die Klasse auf seine Seite zu ziehen. „Wenn Du Dich nicht beruhigst, gehst Du vor die Tür, die Anderen möchten in Ruhe arbeiten“, erwiderte ich und blieb fest. Er wusste ziemlich genau, seine Klassenlehrerin würde ihn draußen sehen und ansprechen. Er testete weiter, ich blieb ruhig, ging zur Tür. „Wenn es sein muss, sage ich eben nichts mehr“, kam kleinlaut noch, bevor ich sie öffnete. „Gut, dann fang damit an. Beim nächsten Versuch gehst du raus“. Lustlos begann er mit den Anderen ins Gespräch zu kommen. Nach einiger Zeit arrangierten sie sich und bearbeiteten ihr Thema. Am Ende der Stunde bat ich ihn zu mir und sagte: “Ich möchte Dich in der Mittagspause zu mir bitten.“ Er erschrak und wurde wieder laut. „Warum? Immer ich, ich habe nichts gemacht! Da habe ich keine Zeit, mein Bus fährt.“ Wieder blieb ich ruhig. „Ich möchte mit Dir über Dein Verhalten zu Beginn der Stunde reden. Wenn du pünktlich bist, schaffst du auch Deinen Bus.“ Er grinste mich an. „Und wenn ich nicht komme?“ Darauf war ich gefasst und sagte freundlich: “Henry, das ist Deine Entscheidung. Ich denke, Du bist erwachsen genug, dass wir das beide klären können. Solltest Du es nicht sein, werde ich das Gespräch mit Dir und Deinen Eltern führen, denn solch ein Verhalten werde ich in meinem Unterricht nicht dulden.“ Er war ziemlich perplex. Ich nannte ihm den Raum, vor dem wir uns treffen wollten und verließ die Klasse.

15 Minuten vor der verabredeten Zeit kam ich zufällig aus einem Klassenraum. „Frau R., Sie wollten doch mit mir sprechen“, rief Henry schon von weitem. „Ja Henry, es ist schön, dass Du schon da bist, aber ein paar Minuten musst Du noch warten, ich habe noch Unterricht“. Schnell erledigte ich alles. Zu lange wollte ich ihn nicht warten lassen, freute ich mich doch, dass er da war. Ich holte ihn zu mir und wir suchten uns ein ruhiges Plätzchen. „Ich weiß, ich habe mich nicht richtig verhalten. Ich werde jetzt leise sein, das verspreche ich Ihnen. Mit den anderen habe ich auch gesprochen und mich entschuldigt“, sprudelte es aus ihm heraus, bevor ich überhaupt zu Wort kam. „Das ist also Deine unbewusste Gangart, so machst Du es wohl immer", dachte ich. „Weißt Du Henry, dass Du Dich entschuldigst, ist gut aber das löst Dein Problem nicht. Kannst Du mir sagen, warum Du Dich manchmal so benimmst? Ich würde das gern verstehen. Du bist sehr freundlich und hilfsbereit und ich finde es schön, dass Du Dich immer freiwillig meldest, wenn es gilt, Arbeiten zu erledigen, die Du gern machst. Wenn Dir etwas nicht gefällt, bist Du trotzig und strampelst wie ein 3-jähriger und so verhältst Du Dich dann auch, nicht wie ein erwachsener junger Mann. Du denkst vielleicht, die Anderen finden das toll, aber eigentlich lachen sie über Dich. Ich denke, Du hast das nicht nötig“. Henry sah mich sehr betreten an. „Das war schon immer so. Ich weiß auch nicht, warum ich so bin. Eigentlich will ich es ja nicht aber manchmal bin ich so wütend…“.

„Henry, bist Du bist bestimmt der Jüngste zuhause?“ fragte ich. Er sah mich völlig überrascht an. “Ja, woher wissen Sie das?“ Ich lächelte ihn an und fuhr fort. „Kann es sein, dass Du zuhause immer deinen Kopf durchsetzt und es Dir meistens auch gelingt? Er sah mich völlig entgeistert an und grinste. „Und wenn Du etwas willst, nervst und tobst Du so lange, bis Deine Mutter nachgibt.“ Jetzt war es ihm zu viel. „Frau R., Sie kennen doch meine Mutter gar nicht. Woher wissen Sie das? Sind Sie eine Hexe?“. Ich musste lachen. „Nein Henry, das bin ich nicht, ich weiß nur, wie sich jüngste Kinder manchmal verhalten.“ Er sieht mich grinsend an und sagt: “Ich bekomme auch immer, was ich will.“  Das dachte ich mir. „Siehst Du Henry und so hast Du es schon als kleiner Junge gemacht. Weil Du dachtest, wenn man nur laut genug tobt und strampelt, bekommt man alles, was man will.“ Er lachte über das ganze Gesicht. „Zuhause mag das heute noch funktionieren, hier nicht. Du hast mir erzählt, Du willst Koch werden.“ Er nickt und sagte: „Bei uns arbeiten alle in der Gastronomie und ich kann schon eine Menge.“ Letzteres bestätige ich ihm. „Stell Dir mal vor, Du bekommst eine der wenigen Lehrstellen und sollst am ersten Tag Kartoffeln schälen. Weil es Dir gerade nicht passt, legst Du Dein geübtes Verhalten an den Tag. Was glaubst Du. was passiert?“ Henry überlegt. „Der Chef wird meckern“. Ich nicke. „Glaubst Du, er würde nur meckern?“ Zögernd und sehr leise folgt dann ein : “…vielleicht schmeißt er mich auch gleich wieder raus?“ Mit Sicherheit wird ihm das passieren. Ich frage ihn ob er das möchte. Heftig schüttelt er den Kopf: “Das wäre ja peinlich“. Gut erkannt! „Siehst Du Henry, und Du allein hast es in der Hand, ob der Fall eintritt oder nicht. Du kannst Dein Verhalten ändern und lernen, dass es im Leben nicht immer nach Deinem Kopf geht. Das war Deine Überzeugung bisher, jetzt kannst Du sie ändern. Du weißt ja jetzt, warum Du Dich so verhältst. Ich denke, Du bist erwachsen genug und musst Dich nicht mehr wie ein kleiner Junge aufführen. Jetzt kannst Du lernen, dass man manchmal auch Dinge tun muss, die einem nicht gleich gefallen und später vielleicht doch Spaß machen.“ Plötzlich saß ein sehr nachdenklicher Junge vor mir. Als ich das Gespräch beendete, gab er mir die Hand und ging sprachlos davon.  

Einen Tag später waren wir den ganzen Tag zusammen. Am Morgen bekamen wir von einer Kollegin Falläpfel geschenkt. Beim Putzen erzählte ich den Schülern die Geschichte: „Das allerbeste Apfelmus“ von Dorothy Canfield Fischer, in der so humorvoll und verstehend die Probleme erzählt werden, die aus einer stark verwöhnenden Erziehung entstehen. Ich schmückte sie noch ein wenig aus. Für die Anderen war es nur eine nette Geschichte. Henry grinste mich nach kurzer Zeit verstehend an. „Was hältst Du davon, Henry, wenn Du heute  ‚Das allerbestes Apfelmus‘ für uns alle kochst? Ich helfe dir dabei.“ Er nickte und war später ganz emsig dabei. 

Es gibt immer wieder Rückfälle. Bisher genügte es, wenn ich sage: “Henry, Du kannst Dich auch anders entscheiden“. Es bleibt spannend mit Henry &Co.

Ich möchte mich nochmals ausdrücklich für die gute Supervision im Tageszentrum Miteinander Füreinander in Meilen bedanken.

 

Jana – ein aufgeregtes Mädchen

Eine Lehrerin, die Berufsschüler unterrichtet, besprach im Tageszentrum Miteinander Füreinander in Meilen einige ihrer Problemschüler mit Dr. med. Lilly Merz Raff und Diethelm Raff

 

Nach einiger Zeit berichtete sie uns folgendes:

 

Jana – ein aufgeregtes Mädchen 

 

Jana nahm ich in den ersten Schultagen als etwas ruppig und schwierig aber auch als sehr hilfsbereit wahr. Sie hat ein starkes Augenproblem, ist nicht sehr gross und sucht immer Kontakt, meist zu Erwachsenen. Mit den neuen Klassenkameraden scheint es noch schwierig für sie zu sein, war mein Eindruck. Ich beobachtete weiter. Die Klasse schien sich gegen sie zu stellen. Es war nur schwach spürbar. Im Umgang mit den Mitschülern war sie sehr wortgewandt und wurde schnell ausfallend.

Ich suchte das Gespräch mit ihr und erfuhr, dass sie seit Mai im Heim lebt, 200 km von zuhause entfernt, weil es nur noch Stress gab. Im November darf sie wieder in ihre Familie zurück. Sie freut sich darauf.

Heute war wieder Gruppenarbeit angesagt. Zu Janas Gruppe gehören Henry und Sybille. Beide waren heute nicht da. Als ich die begonnenen Plakate der vergangenen Woche austeilte, fing Jana an zu toben. „Ich habe keine Aufzeichnungen. Warum soll ich alleine weiter arbeiten?“ Sie konnte sich nicht beruhigen, wurde immer lauter. Wie immer in solchen Situationen blieb ich ganz ruhig, erklärte noch einmal, was ich schon in der vorhergehenden Woche sagte. „Alle Schüler, die in einer Gruppe zusammenarbeiten, machen sich eigene Aufzeichnungen. Falls jemand nicht da ist, kann die Gruppe trotzdem weiter arbeiten.“ Jana tobte weiter. Ich kümmerte mich erst einmal um die anderen Schüler. Als ich den Eindruck hatte, sie sei ruhiger, setzte ich mich zu ihr. „Weisst du Jana, ich würde Dein Verhalten gern verstehen. Vielleicht kannst Du mir helfen. Du benahmst dich gerade wie ein kleines Kind. Ich denke aber Du bist schon erwachsen. Kannst Du mir sagen, warum Du manchmal so tobst?“ Sie zuckte mit der Schulter. „Ich finde, Du hast letzte Woche sehr gut gearbeitet und ich denke, Du schaffst es auch, heute allein weiterzumachen“, sagte ich. Sie sah mich an und antwortete sehr verzweifelt : “Nein.“ Ich wurde hellhörig. „Nein-ich will nicht allein arbeiten. Oder  - nein-  ich traue es mir alleine nicht zu, es ist mir zu viel?“ Ganz kläglich kam zurück: “Ich traue es mir nicht zu“. Ich spiegelte ihr kurz, wie viele Ideen sie in der Woche zuvor einbrachte. Wie toll sie das Thema bearbeitet hatte und auch, dass ich den Eindruck hatte, wenn jemand laut wird, wie Henry in der vergangenen Woche und sie sich abgelehnt fühlt, gibt sie auf. Plötzlich nickte sie ganz stark. Ganz leise fragte ich:“Jana, hast Du noch Geschwister?“ „Fünf, ich bin die Jüngste.“ Ich musste schon lächeln. „Wie war denn das bei Euch zuhause, haben Deine Geschwister und die Eltern immer alles für Dich gemacht?“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie haben mich immer im Stich gelassen“, dabei sah sie mich ganz traurig an. „Jana, kann es sein, dass Du das Gefühl hast, dass Henry und  Sybille Dich auch im Stich gelassen haben?“ Sie senkte den Kopf und nickte. „Und immer wenn Du Dich im Stich gelassen fühlst, fühlst Du Dich schwach und fängst an zu toben, weil Du Angst hast?. Sie nickte wieder. „Weisst Du Jana, wenn wir klein sind, fühlen wir uns vielleicht manchmal so, weil wir vieles nicht verstehen. Heute bist Du schon fast erwachsen und weisst, dass Du schon vieles kannst. Dass Henry und Sybille heute nicht da sind, ist Zufall, es hat nichts mit Dir zu tun. Ich denke, Du kannst Dich heute anders entscheiden. Als Kind warst Du vielleicht hilflos, heute nicht mehr. Du kannst einfach versuchen weiterzumachen.“ Plötzlich liefen Tränen, erst ganz wenig, dann immer mehr. „Jana, ich würde gern verstehen, warum Du jetzt weinst.“ Ich spürte, sie konnte nicht ausdrücken, was sie fühlte. „Habe ich Dich verletzt?“ Ganz vehement schüttelte sie den Kopf. „Kann es sein, dass ich Dich verstanden habe?“ Sie sah mich an und nickte. „Kann es auch sein, dass es Dir gut tut, wenn Dich jemand versteht und leise und ruhig mit Dir spricht?“  Wieder nickte sie. „Kann es auch sein, dass Du es kennst, wenn jemand auf Deine Tobsuchtsattacken laut reagiert und Du dann einen Grund hast, noch weiter zu toben?“ Ja“, antwortete sie kläglich. „Und bei mir wirkt das nicht und dann weist Du nicht, wie Du Dich verhalten sollst?“ Sie sah mich mit großen Augen an und sagte. “Dann weiß ich nicht, was ich machen soll“. Ich lächelte sie an. „Du kannst Dich doch einfach entscheiden, zu  lernen anders zu reagieren.“ Jetzt musste auch sie lächeln und sagte: “Ich glaube ja, ich bin ja nicht mehr klein.“ Wunderbar! Ich sah mich kurz im Klassenraum um. Alle taten sehr beschäftigt, doch ich war sicher, sie hatten versucht, unser Gespräch zu belauschen. Nach einem Rundgang durch die Klasse setzte ich mich an den Lehrertisch. Fünf Minuten später sah ich Jana ganz emsig arbeiten. Als wollte sie noch eine Rückversicherung, fragte sie: “Können Sie einen Schuh malen?“ Ich ging auf sie zu und sagte: “Ich kann es zumindest probieren“, malte einen Schuh für sie und bis zum Unterrichtsende war ihr Anteil fertig. „Die anderen können nächste Woche ihren Teil machen“, sagte sie und gab ihr Plakat ab. Super! „Jana, wenn Du heute Abend Zeit hast, kannst Du ja mal nachdenken, ob Deine Familie Dich immer im Stich gelassen hat oder ob sie vielleicht auch öfter etwas für Dich getan haben.“  Sie lächelte mich an und sagte.“Vielleicht habe ich sie auch manchmal einfach genervt.“ 

In der Zwischenzeit hatte sich David an meinen Tisch gepirscht. Ganz leise flüsterte er: “Frau R., sie haben wie meine Therapeutin mit Jana gesprochen“. Ich musste  lachen. “Ist das etwas Gutes oder Schlechtes für mich?“ Er kam noch näher zu mir: “Etwas sehr Gutes.“ Und so ganz nebenbei erzählte er mir seine Geschichte. Vom Tod einer Freundin, für den er sich verantwortlich fühlt  und jahrelangem Ritzen, das er dank der Therapie überwunden hat. Es bleibt weiter spannend und jeder Tag ist eine neue Herausforderung. 

Ich möchte mich nochmals ganz herzlich für die ausführliche und ausgezeichnete Supervision im Tageszentrum Miteinander Füreinander in Meilen bedanken.

 

Mit einem entmutigten Schüler im Gespräch

Mit einem entmutigten Schüler im Gespräch

F.P., Tageszentrum Miteinander Füreinander Meilen

 

Fehler zu machen gehört zum Lernen dazu. Das weiss jeder – doch genau deshalb haben viele Kinder eine Abneigung gegen das Lernen. Die Abneigung bezieht sich im Grunde nicht eigentlich auf das Lernen, aber auf das Fehlermachen. Sie haben die Überzeugung, dass es höchst peinlich ist, wenn jemand entdeckt, dass sie etwas noch nicht können: "Wenn herauskommt, dass ich nicht wie aus der Pistole geschossen weiss, was 7 x 8 ergibt, dann ist das der felsenfeste Beweis dafür, dass ich dumm bin." So oder ähnlich denken viele Kinder. Konsequenterweise verweigern sie also alles, was mit Lernen zu tun hat. Sie weichen aus, wo es nur geht: Sie vergessen die Hausaufgaben in der Schule, damit die Eltern ihnen nicht helfen können und dabei entdecken, dass ihr Kind die Englischwörter  nicht auf Anhieb beherrscht. Sie werden laut, schimpfen oder werden ausfällig, wenn es ums Lernen geht. Oder sie zetteln einen Streit mit den Eltern an, nur um vom Lernen abzulenken. Der Wunsch des Kindes ist es dabei stets, gut dazustehen – so absurd das gelegentlich erscheinen mag. "Lieber ärgern sich die Eltern über mein unmögliches Benehmen, als dass sie 'merken', dass ich dumm bin." Denn davon, dass sie im Grunde dumm sind, sind sehr viele Kinder überzeugt. Sie halten es kaum aus sich hinzusetzen und den neuen Stoff Schritt für Schritt zu erarbeiten, denn sie halten es für einen Beweis ihrer Unfähigkeit, dass sie nicht schneller vorankommen – ja dass sie es nicht schon längst wissen. Ebenso unbekannt ist ihnen, dass Lernen der Repetition bedarf. Sie weigern sich, Gelerntes zu repetieren, denn sie glauben, dass nur die Dummen Erlerntes zu wiederholen brauchen und sie die neuen Wörter eigentlich nach dem ersten Durchlesen bereits beherrschen müssten.

Nicht nur kleine Kinder, auch grosse Kinder, sogenannte Erwachsene, kennen das Gefühl, dass sie jede gestellte Aufgabe eigentlich prompt, selbständig und fehlerfrei auf Anhieb meistern können müssten. Sie sind sich selber oft nicht sicher, dass jeder Mensch durch Wiederholung lernt. Jeder, der nicht angespannt und nervös ist – aber jeder braucht Wiederholung und Übung. 

Kinder solcher Eltern spüren die Anspannung oder Ungeduld, in die ihre Eltern geraten, wenn es ihnen selbst nicht gelingt, ihren Kindern etwas plausibel zu erklären, oder wenn ihre Kinder nicht sofort verstehen. Alle Kinder aber wollen, dass ihre Eltern stolz auf sie sind, dass sie sie gut finden. So kann bei einigen Kindern der Wunsch entstehen, keine Fehler mehr zu machen, damit sich die Eltern nicht aufzuregen brauchen. Gerade besonders ehrgeizige Kinder greifen aber oft zur untauglichen Variante, Fehler nicht durch vermehrtes Üben zu verringern, sondern gänzlich vermeiden zu wollen. Weil nun aber das Fehlermachen zum Lernen mit dazu gehört, verweigern sie das Lernen überhaupt – nicht, weil sie nicht Lernen wollen, aber weil sie um alles in der Welt nicht blöd da stehen wollen.

 

Ein Beispiel: Jonathan, sein Hintergrund, seine Gefühlslage

 

Jonathan kommt seit einigen Wochen in die Lerntherapie. Er geht in die 4. Klasse der Primarschule. Seine ältere Schwester ist bereits in der Oberstufe. 

 

Jonathan hat Korrekturen seiner Französisch-Prüfung zu machen. Nach umständlichem Wühlen in seinem Rucksack zieht er schliesslich ein Blatt hervor und legt es in einigem Abstand vor sich auf den Tisch. Von Weitem deutet er auf die erste Korrektur und meint mit einem Blick zur Lehrerin: "Also, wie schreibt man dieses Wort da richtig?"

Jonathan möchte die für ihn peinliche Situation, überhaupt Verbesserungen machen zu müssen, so schnell wie möglich beendet haben. 

Die Lehrerin zeigt Jonathan auf, dass er die Lösung selber nachschauen kann. Dazu braucht er nur sein Französischbuch hervorzunehmen und bei der gelernten Lektion nachzuschauen. Widerwillig zieht Jonathan sein Buch aus dem Rucksack, als wäre es bereits eine Niederlage, dass er überhaupt nachzuschlagen braucht. 

Zielsicher findet er jedoch das gesuchte Wort und kritzelt die Lösung schnell aufs Papier. Sobald er fertig ist, wischt er den Zettel vom Tisch und lässt den vermeintlichen Beweis seiner Unfähigkeit in seinem Rucksack verschwinden. 

Wir wissen bereits, wie unangenehm es Jonathan ist, Fehler zu machen. Die Lehrerin will deshalb die Gelegenheit nutzen, einmal mehr zu erwähnen, dass ein Fehler in einer Prüfung nichts damit zu tun hat, ob einer intelligent ist oder nicht, sondern dass es lediglich ein Zeichen dafür ist, dass man etwas noch nicht beherrscht und es folglich noch nicht genügend repetiert und geübt hat... Weiter kommt sie nicht in ihrer Erklärung, denn Jonathan fällt ihr ins Wort und fragt, das Buch vor sich aufgeschlagen: "Sagen Sie mir mal, was Hut auf französisch heisst – hm?" Jonathan mimt den Lehrer.

Die Lehrerin erkennt, dass es Jonathan zu viel geworden ist. Er hält es buchstäblich nicht aus und kann gar nicht zuhören, wenn er direkt auf sein vermeintliches Defizit angesprochen wird. Sie geht deshalb auf seine Aufforderung ein und antwortet, dass ihr die Lösung gerade nicht einfallen würde. "Was, das wissen sie nicht!" ruft Jonathan empört. "Chapeau heisst das! Also ehrlich!" Jonathan schnaubt und schlägt sich zum Zeichen der Dummheit an die Stirn, bevor er zum nächsten Wort geht: "Und was heisst Haar?" "Lass mich überlegen" sagt die Lehrerin, um Jonathan vorzumachen, dass man nicht alles auf einen Schlag zu wissen braucht. "Öh, weiss ich auch nicht", antwortet sie schliesslich. "Was!" Jonathan ist entrüstet: "Das heisst doch cheveu, das sollten sie also wissen, das weiss doch jeder!" Missbilligend schüttelt er den Kopf und will entnervt ein drittes Wort erfragen. Da unterbricht ihn die Lehrerin und sagt: "Jonathan, wenn du auf diese Art unterrichten würdest, dann hätte ich solche Angst vor dir, dass ich mir kein einziges Wort merken könnte." Jonathan schaut die Lehrerin ungläubig an. "Du bist viel zu streng zu mir", fährt diese fort. "Ja, aber man muss streng sein", entgegnet Jonathan mit Überzeugung, "die Gofen lernen sonst nie etwas!"

"Da liegst du falsch", antwortet die Lehrerin. "Kinder können nicht lernen, wenn man streng mit ihnen ist." Jonathan schaut ungläubig. Die Lehrerin fährt fort: "Kinder sind von Natur aus neugierig, sie wollen das Leben entdecken, ausprobieren, lernen. Kinder lernen von Natur aus gerne, sie wollen es sogar, aber wenn man streng mit ihnen ist und schimpft, bekommen sie Angst. Und wenn sie Angst haben, dann können sie sich nichts mehr merken oder machen erst recht Fehler. Aber nicht, weil sie dumm sind, sondern weil sie angespannt sind und Angst haben." "Hm", macht Jonathan. Er setzt ein strenges Gesicht auf und sagt mit möglichst tiefer Stimme: "Aber wenn ich nicht streng bin mit meinem Sohn, dann macht der überhaupt nichts! Der ist ein fauler Hund! Ohne die Peitsche geht bei dem gar nichts!" Jonathan schlüpft in die Rolle seines eigenen Vaters. 

"Also Herr J." steigt die Lehrerin ein, "das muss ich Ihnen dringend erklären: Mit der Peitsche müssen sie sofort aufhören!" "Nein" versetzt Jonathan in der Rolle seines Vaters, "ich muss mit der Peitsche hinter ihm her sein."

"Lieber Herr J., damit erreichen sie genau das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigen! Sie sind viel zu streng mit ihrem Sohn. Ihr Sohn ist ein gewiefter und intelligenter Junge..." "Blödsinn!" unterbricht Jonathan: "Mein Sohn ist nicht intelligent! Der hat ein Hirn aus Stroh, das funktioniert nicht richtig!" 

Wir erkennen, was Jonathan von seinen eigenen Fähigkeiten hält, und wie er glaubt, dass sein Vater über ihn denkt. Die Lehrerin zeigt ihre ehrliche Bestürzung und entgegnet ruhig aber bestimmt: "Sie irren sich, Herr J.! Ihr Sohn ist durchaus intelligent, er kann sehr gut denken und lernen, ich habe das beobachtet. Als Psychologin kann ich das beurteilen." Die Lehrerin tritt mit Sicherheit und Überzeugung den von Jonathan gesprochenen Worten des Vater entgegen. Jonathan bekommt eine Gegenposition zu hören, die ihm unbekannt ist. Der Vater hat zuhause das letzte Wort, und was er sagt, das gilt. Wenn Jonathan nun aber überzeugt ist, dass der Vater nichts von Jonathans schulischen Fähigkeiten hält und nicht an seine Intelligenz glaubt, so entmutigt ihn dies zutiefst. Es verunmöglicht es ihm, in Ruhe seine Schritte zu machen. So hat er es in letzter Zeit zunehmend vermieden, Hausaufgaben zu lösen, um seinem Vater keine Gelegenheit zu bieten, seine Fehler, sein Unvermögen, ja sein vermeintliches Versagen zu entdecken. In der Folge hat Jonathan viel zu wenig geübt und gelernt, was ihm natürlich schlechte Noten in den Prüfungen eingetragen hat. Diesen logischen Zusammenhang jedoch vollziehen entmutigte Schüler wie Jonathan nicht nach. Sie sehen bloss ihre schlechten Noten und nehmen diese wiederholt als Bestätigung für ihre schlechte Meinung über sich selber. 

Diesen Ablauf gilt es entmutigten Schülern immer wieder aufzuzeigen – jedoch nicht als moralischer Hinweis der Art: 'Siehst du, wenn du mehr gelernt hättest, dann hättest du bessere Noten gemacht', sondern mit der psychologischen Erklärung, warum der Schüler erst überhaupt nicht lernen mag. Es geht darum, Jonathan den Grund für sein Versagen in den Prüfungen oder beim Lernen als psychologischen Ablauf zu erklären, damit er am Ende Abstand nehmen kann von seiner eigenen Erklärung, die stets darin besteht, dass er nicht so gut wie alle andern lernen kann, dass er zu langsam ist, dass er eben einfach dumm ist.

Um überhaupt den Mut aufbringen zu können, sich erneut auf das Wagnis des Lernens – und somit des Fehlermachens – einzulassen, muss Jonathan die Sicherheit bekommen, dass man ihn nicht als Versager ansieht, dass man ihm viel mehr zutraut als er sich selbst, dass man ihn für genauso intelligent hält wie alle anderen Kinder. Natürlich hält Jonathan Gegenbeweise zu dieser Sicht bereit, die er sogleich ins Feld führt:

"Aber hören sie, der Bub ist strohblöd. Sogar wenn er lernt kapiert er's nicht! Kürzlich hat er tatsächlich gelernt, Englisch, aber am Ende hat er die Wörter nach einer halben Stunde doch nicht mehr gewusst!" 

Das ist eine gute Gelegenheit, Jonathan den psychologischen Vorgang zu erklären. Denn nun ist sein Interesse geweckt. Er will im Grunde von der Lehrerin wissen, wie sie zu ihrer Meinung über ihn kommt, denn für ihn steht noch immer fest: Ich bin eben unintelligent.

Die Lehrerin fängt an: "Schauen Sie, Herr J., ihr Sohn Jonathan ist sehr gescheit. Aber er weiss das noch nicht, er meint nämlich, dass er unintelligent ist. Und wenn man so von sich selber denkt, dann ist es jedes Mal ganz schlimm, wenn man einen Fehler macht, weil man dann denkt: Ha, da ist es wieder, hab ich's doch gewusst, ich bin dumm! Jeder Fehler ist ihrem Sohn deshalb furchtbar peinlich!" "Jaaaa!" ruft Jonathan, "meinem Sohn ist alles peinlich!" "Ja, weil er noch nicht weiss, dass es nichts mit seiner Intelligenz zu tun hat, wenn er Fehler macht." "Womit hat es dann zu tun?" fragt Jonathan. "Ja, das ist genau die Frage. Lassen Sie uns das zusammen überlegen. Was meinen Sie Herr J., schimpfen Sie manchmal auch, wenn ihr Sohn etwas nicht gleich versteht?" "Hm... manchmal", meint Jonathan. "Ja, das tun nämlich sogar Väter, die stolz sind auf ihre Söhne. Gerade weil Sie so viel von Ihrem Sohn halten, weil Sie ihn so gut finden, können Sie dann gar nicht glauben, wenn er mal etwas nicht gleich versteht. Sie denken dann: 'Ja, aber das ist doch mein toller Sohn, was ist denn nur los!' Aber da dürfen Sie nicht schimpfen. Auch ganz intelligente Kinder brauchen Zeit zum Lernen. Und wenn Sie dann laut werden, bekommt Jonathan einen Schreck!" Jonathan schaut die Lehrerin mit grossen Augen an. "Könnte es sein, dass Jonathan manchmal einen Schreck hat, wenn Sie so schimpfen?" "Kann schon sein," räumt Jonathan ein. "Das ist ein Grund dafür, dass Jonathan nicht in Ruhe lernen kann. Wegen dem Schreck, den er hat, sobald er etwas nicht gleich weiss. Er kann nicht in Ruhe überlegen, weil er meint, er müsste alles sofort wissen, damit Sie sich nicht aufregen über ihn. Er erschrickt, wenn er etwas nicht gleich weiss und kann nicht mehr denken." 

Jonathan hört genau zu und scheint sich Gedanken zu machen. "Jonathan will es gut machen, nur ist er angestrengt wegen dem Schreck. Er ist schon beim Lernen ganz angespannt, weil er schon befürchtet, dass er etwas nicht versteht. Und wenn man sich so anstrengt und immer schon daran herum studiert, was passiert, wenn man etwas nicht versteht, kann man gar nicht mehr richtig zuhören. Das geht ganz vielen Schülern so, da ist Ihr Sohn nicht der Einzige!" Jonathan rümpft die Nase, aber sein Interesse ist nicht zu übersehen. "Aber er versteht's im Fall wirklich nicht," wendet Jonathan ein. "Das stimmt, aber nicht, weil er dumm ist, sondern weil sein Hirn sich schon so anstrengt, keinen Fehler zu machen und sich schon so darüber Sorgen macht, wie er dastehen wird, wenn er doch einen Fehler macht, dass sein Hirn schon so viel zu tun hat, dass es etwas so Kompliziertes wie Mathe nicht auch noch nebenher verstehen kann." 

Nach einer Pause fährt die Lehrerin fort: "Ihr Sohn ist sehr wohl intelligent, aber er befürchtet ständig, dass Sie schlecht von ihm denken, wenn er Fehler macht. Deshalb lernt er auch nicht gerne, wenn Sie zu Hause sind. Er hat Angst, dass Sie sich aufregen und schimpfen, und dann vertuscht er lieber, dass er etwa nicht kann.

Nach einer Weile fragt die Lehrerin: "Was meinen Sie, Herr J., weiss Jonathan, wie stolz sie auf ihn sind?" "Weiss nicht," zögert Jonathan, "ich glaube nicht." "Sie haben mir ja schon oft gesagt, wie stolz sie auf Jonathan sind und dass sie froh sind, einen so tollen Jungen zu haben. Sie denken wahrscheinlich, dass er das sowieso weiss, aber sage Sie ihm das nur ganz direkt." Jonathan rutscht etwas verlegen auf seinem Stuhl herum. Dann sagt er: "Ich bezahle einen Haufen Geld für meinen Sohn!" "Ja, das tun Sie, weil Sie ihn so gern haben und er ihnen so wichtig ist, ihr Sohn. Sie glauben an ihn und sie wollen, dass er vorwärts kommen kann." Jonathan blinzelt. "Sie glauben mit Recht daran, dass er gut werden kann, sonst würden Sie nicht so viel Geld bezahlen. Und Sie sind davon überzeugt, dass es sich lohnt, weil er ein intelligenter Junge ist." Ein Lächeln erhellt Jonathans Gesicht, als er hört, was sein Vater angeblich von ihm denkt.

Er wuschelt in seinen Haaren herum. Dann dreht er sich verschwörerisch zur Lehrerin und sagt – wieder in seiner natürlichen Stimme: "Sie, bei uns in der Klasse ist einer, der hat eine Lesestörung." "So, was hat er denn? Kann er nicht gut lesen?" fragt die Lehrerin mit der Vermutung, dass Jonathan indirekt von sich erzählt. "Doch, das schon. Aber der stottert, wenn er laut vorlesen muss", erklärt Jonathan und fügt an: "und das ist mega peinlich!" "Dein Freund hat keine Lesestörung", entgegnet die Lehrerin, "aber er hat Angst sich zu blamieren. Er strengt sich zu sehr an beim Lesen, gerade weil er keinen Fehler machen will, und deshalb kann er nicht flüssig vorlesen. "Meinen Sie?" fragt Jonathan ungläubig. "Natürlich. Aber auch er kann das Lesen richtig gut lernen. Du könntest ihm erzählen, was wir besprochen haben: dass er keine Lesestörung hat, sondern dass er nur einen Schreck hat und so angespannt ist, weil er meint, dass er blöd sei, wenn er einen Fehler macht." Jonathan nickt lebendig und fragt weiter: "Und wissen Sie, was es auch gibt bei uns? Einer in unserer Klasse wird dauernd ausgelacht!" die Lehrerin sagte darauf: „Ja Jonathan, das ist gar nicht recht. Wir werden das das nächste Mal genau durchsprechen und dann hast Du auch da etwas in der Hand, wie Du ihm helfen kannst.“ 

Das gesamte Denken, Fühlen und Handeln eines Kindes wird durchtränkt vom Schreck, wenn ein Kind streng gehalten wird. Eltern erziehen so ihre Kinder zur Dummheit. Jedes Kind wird in einer strengen Erziehung eingeschüchtert, bekommt einen Schreck und kann deshalb nicht mehr in Ruhe denken und lernen. Und am Ende meint das Kind, es sei blöd. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Wenn ein Kind sich erfasst fühlt wie in solchen Gesprächen, kann es seinen Schreck in Frage stellen und erst dann kommen ihm Fragen, wie das Leben zu erklären ist. Vorher weiss es nur, dass es anders sein sollte. Es weiss schon, dass es selbst schuld ist. Wenn Lehrende oder andere Erziehungspersonen diese Zusammenhänge erfassen, werden sie milder und erkennen, dass ein solches Kind keinen Hirnschaden hat und zum Beispiel auch keine Aufmerksamkeitsstörung – wie man auf der Symptomebene überlegend sagt - , sondern in psychologischer Denkweise einen Schreck vor jedem Menschen und der ganzen Welt hat. Und das muss man ihm nehmen. Dann funktioniert das Gehirn wie bei jedem anderen Kind auch.

 

Bericht einer Lehrerin über eine Schülerin mit einem Pseudomutismus

Bericht einer Lehrerin über eine Schülerin mit einem Pseudomutismus

 

In meine 2. Oberstufenklasse kam eine 15 Jährige neue Schülerin aus Russland. Sie hatte in den letzten 5 Jahren bei ihrer Grossmutter in Russland gelebt, während ihre Mutter schon einige Zeit in der Schweiz lebte, sich hier ein existenzsicherndes Leben aufbaute, um ihre Tochter später nachkommen zu lassen und ihr ein „besseres“ Leben zu ermöglichen.

Die Schülerin konnte schon ziemlich gut Deutsch, da sie dies in der russischen Schule als Fach hatte. Ich ging also davon aus, dass sie sich leicht integrieren würde. Leider schwieg sie im Unterricht und erfüllte zwar schriftliche Aufträge aber beteiligte sich mündlich überhaupt nicht. In den Pausen stellte sie sich für alle gut sichtbar in eine Ecke mit Blick auf den Boden und verharrte dort regungslos bis zum Ende der Pause. 

Die Heilpädagogin sprach mich darauf an und meinte, es könnte bei der Schülerin eine Art von Mutismus vorliegen. Auf Grund dem, was ich aber schon erfahren hatte über ihre Biographie, war ich mir da nicht sicher.

Ich holte mir Rat im Tageszentrum Meilen und konnte mit Frau Dr. Lilly Merz und Diethelm Raff sowie auch mit anderen durchsprechen, wie das Schweigen der Schülerin zu verstehen ist.

Die Schülerin besuchte in Russland eine streng geführte Schule. Die Grossmutter war ursprünglich Ballettänzerin an der staatlichen Balletakademie. Sie war im zwischenmenschlichen Miteinander sehr karg, forderte viel Leistung und führte ein rigides Regime zu hause. Sie zeigte ihrer Nichte auf, wie wichtig es ist, immer hart an sich zu arbeiten, im Leben etwas besonderes zu erreichen und etwas darzustellen, da man sonst in der Masse untergehen würde. 

Die Schülerin berichtete, dass sie in ihrem Alltag keine Freunde hatte. Sie ging in die Schule, musste dann nach hause Aufgaben machen und dann in den Klavierunterricht oder ins Ballettraining. Sie habe gar nie die Erfahrung gemacht, dass sie Freunde haben könne, sondern hat sich schon in der Unterstufe zurückgezogen und gelernt oder gelesen. 

Angekommen hier in der Schweiz, schien es ihr unmöglich Kontakt aufzunehmen mit anderen. Es ginge nur dann, wenn andere sie ansprechen, aber sie könne nie jemanden ansprechen. So erklärte sie mir, würde sie in den Pausen „Meditieren“, also in der Ecke stehen und wie aus sich herausgehen, sich ganz leer machen. Dies würde sie entspannen. 

Wie ich es im Tageszentrum besprochen hatte, zeigte ich der Schülerin ein anderes Bild von ihr auf. Ich sagte ihr immer wieder, wie schön ihr Lachen sei und dass sie ganz gut andere für sich gewinnen könne. Da sie sehr an Literatur interessiert war, las ich mit ihr einen Text von Alfred Adler. Ich las den Brief von Adler an seine Tochter, in dem er erklärt, dass Menschen in Not kommen können, weil sie sich ein zu hohes Ziel gesetzt haben. Ihr Ziel ist so hoch und auch unrealistisch, dass sie immer enttäuscht sind über sich selbst, über ihre Unfähigkeit, es nicht zu schaffen. Sie nehmen das Leben dann ganz schwer und müssen sich zurückziehen von anderen, weil sie sich minderwertig fühlen. Es ist jedoch nicht das Leben, das so schwer ist, sondern das Ziel ist zu hoch. In der dauernden Enttäuschung „es nicht zu schaffen“, nicht recht zu sein, muss sich der Mensch zurückziehen. 

Weil ich mit der Schülerin ganz gleichwertig über die allgemeinen Probleme des Lebens, die jeder in einer Form kennt sprach, konnte sie sich öffnen und mir erzählen, warum sie im Unterricht immer schweigt. Sie hat die Vorstellung, dass sie einen Satz erst ganz perfekt können muss, sie muss sich ganz sicher sein, dass sie keinen Fehler macht. So kommt sie gar nicht dazu zu reden, denn die Gefahr und die damit verbundene Angst, ihr hohes Ziel der Perfektion nicht zu erreichen, ist für sie im Gefühl zu stark. Es ist die grosse Angst vor Fehler, die sie dazu bringt im Unterricht zu schweigen.

Auch das „Meditieren“ in der Pause kann als Versuch verstanden werden, etwas besonderes sein zu müssen, um einen Wert zu haben. Da sie glaubt, nicht auf andere zugehen zu können aber trotzdem von der Grossmutter gelernt hat, dass man dann jemand ist, wenn man besonders hervorsticht und auch dann zu Beziehung kommt, hat sie in ihrer Not diese Form gesucht. Natürlich hat sie ihr Ziel damit auch erreicht, denn sie war innert einer Woche bekannt im ganzen Schulhaus.  

Ich habe dann mit ihr durchgesprochen, wie es viel schöner ist mit anderen. Dass sie sich täuscht, etwas besonders sein zu müssen, denn sie ist ja schon eine so freundliche und interessante Person. Sie hatte dann so viel Vertrauen gefasst, dass sie mir erzählen konnte, dass sie gar nicht wisse, wie man ins Gespräch komme mit anderen. Ich habe mit ihr daraufhin geübt, was man sagen kann, wenn man zu einer Gruppe dazu kommt. Mit welchen Sätzen man dem Gegenüber zeigen kann, dass man interessiert ist. Ich habe mit ihr durchgesprochen, dass sich jeder freut mit ihr zu reden, wenn er merkt, dass sie interessiert ist, dass sie auf den anderen eingeht. 

Die Schülerin konnte mit meiner Ermutigung innert wenigen Wochen umstellen. Ich sah sie immer mehr in den Pausen mit den anderen Mädchen reden und auch im Schulunterricht fing sie an, sich zu beteiligen.

Ich bin sehr froh, hatte ich die Möglichkeit im Tageszentrum Meilen so viel zu lernen, wie der Mensch verstanden werden kann. Ich kann so meinen Schülern viel mitgeben und eine Anleitung geben und auch einen Ausweg aus bremsenden oder gar störenden Gefühlslagen aufzeigen. Die Diagnose Mutismus hätte die Schülerin ihr Leben lang gehabt und sie hätte ihr nicht geholfen, zu verstehen, was bei ihr psychisch abläuft. 

 

 

 

 

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